24 Türchen zum 2021 erscheinenden Roman "abgefeiert"

24.12.20

 

»Dies alles, wussten wir, würde niemals eine Erklärung für Idioten und Rummis sein, für Robert Steinhäuser und Benni. Auch nicht für das, was danach noch so an Übel kam, für keine Drogenbiografie von niemandem, keine Anschläge und keine Dauerdepression. Es war nur ein Teil von uns, ein Erbe, wir schleppten es mit in die Zweitausender, wie ein Wirrwarr an Handyladekabeln und Entzugsgedanken.«

 

23.12.20

 

»Am Tag als ich Bleistadt verließ, schrien ein paar Krähen, standen Pfützen auf den Straßen und war ein Anruf der Klinik gekommen. Nie wieder Drogen. Dafür kaufte ich mir Schnaps, Rotwein und Bier, hockte mich an den Teich im Park und trank – so wie man das eben machte, an so einem Tag, in so einem Leben am Rand einer funktionierenden Stadt.«

 

22.12.20

 

»Die Styroporplatten kamen auf mich zugeflogen. Ich riss die Tür wieder auf, brach Wurst, Schnaps und Bier auf die Türschwelle. Als ich aufwachte, hatte es Vater schon weggewischt.«

 

21.12.20

 

»Wann warst du zuletzt in Bleistadt?

Er winkt ab: Auch ewig. Jetzt sowieso nich mehr. Alles tot dort.

Ich sehe plötzlich unsere Hörnchen-Schule vor mir. Der Diddle-Laden, das Musikgeschäft… was wohl aus dem kleinen Hille geworden ist?«

 

20.12.20

 

»Wenn du dich stößt, hast du ein Loch im Kopf.

Ich hatte bis jetzt niemanden gesehen, der sich ein Loch in den Kopf gehauen hatte. Schrammen gab es ständig und dass jemand an der Stirn blutet, besonders der kleine Hille, war kein Aufreger. Es gab kein Loch im Kopf und vom Wichsen wurde man auch nicht blind. Also konnten wir den Film sehen, auch, wenn wir erst vierzehn waren.«

 

19.12.20

 

»Benni war der erste, der sich eine Pash-Hose kaufte, eine orange, und sich dazustellte.«

 

18.12.20

 

»Es gab Kletterstangen, die rochen nach Pisse, Medizinbälle, die an den Nähten aufplatzten, graue und grüne Matten, die wir uns abstapeln mussten, um keinen Handstand hinzubekommen. Hinter der Sporthalle gelbte die Weitsprung- und Weitwurf-Wiese. Wir fragten immer mal nach den Handgranaten. Sie lagen im Vorbereitungsraum, mit denen warf man dort. Bekamen sie aber nicht.«

 

17.12.20

 

»Auch gab es jetzt neue Leute, die das Sagen in Bleistadt hatten. Sie wurden aus der Zehnten entlassen und trugen grüne Fliegerjacken, Turnschuhe und goldene Kreolen in den Ohren.«

 

16.12.20

 

»Ich stehe auf und atme aus. Am Eingang hatte mich irgendwer gefragt, ob ich einen Zettel sehen wolle. Irgendwas von seinem ersten Tag hier, das Papier, auf dem seine Diagnose standen und die verbleibende Zeit. Wollte ich nicht.«

 

15.12.20

 

»Jetzt machen wir erst mal Pause. Mindestens eine Woche. Bis Freitag kein Stoff, schwören wir uns. Wir fahren los, schweigen. Noch bevor wir wieder in der Stadt sind, sagt Benni:

Aber Mittwoch könnten wir uns ja trotzdem treffen… Auf ein Tütchen, mehr nich.«

 

14.12.20

 

»Nee nee, sagt er, ohne den Atlas aus dem Handschuhfach zu holen. Nee, Alter, fahr!

Schiebst du n Film, oder was? Ich ziehe die Handbremse an. Benni wird bleich und zeigt geradeaus auf den Straßenrand:

Gib Gas!«

 

 

»schrauben muss es … schrauben … diese Kommerzkacke will niemand hören«

 

12.12.20

 

»Plötzlich wird es Tag. Wir haben Steve bereits heimgebracht. Er konnte und wollte nichts mehr sagen und denken. Danke, sagt mein Freund Benni zu mir, bevor er aussteigt.

Wofür?

Seine Kiefer mahlen noch immer, seine Augen bewegen sich langsam und strahlen. Obwohl es uns gerade scheiße geht, die Pillen ihre Wirkung verloren haben.

Die Teile. Ich mach es auch nur mit euch, versprochen!«

 

11.12.20

 

»Seit einer Woche stritten wir, wer die Bravo Hits Fünf mitbringt und die Musik aussucht. 16 Uhr wurde ein Kassettenrekorder mit CD-Player angestellt. In der Mitte war die Tanzfläche, darum ein Stuhlkreis.«

 

10.12.20

 

»Erst wenn seine Platte läuft, irgendein Longmix, erkennt man, dass der DJ überhaupt da ist. Wenn es ein richtiges Kommerzschwein ist, hat er zwei bis vier Tänzerinnen im Schlepptau, die sich in Netzstrümpfen verbiegen als wäre es das erste Mal für sie. Die Massen schreien als brauchen sie am Montag ihr Stimmbänder nicht mehr. Rauchen Davidoff mit weißen Filtern und trinken Diesel, mehr Cola als Bier, viel zu kalt, so dass es immer Magenschmerzen gibt.«

 

 

09.12.20

 

»Ich schalte herunter, sehe zwar nicht, was hinter der Erhebung kommt. Doch auf einmal geht die Sonne auf. Oben angekommen, explodieren meine Gedanken, ich falle wie schmelzende Butter in meinen Sitz. Alles ist hell und klar und unter mir taucht meine Stadt auf.«

 

 

»Amphetaminhaltiger Schweiß tropfte vom Zeltdach – und es war egal, ob es Ost- oder Westschweiß war. Alle waren drauf und bereit, einen kollektiven Höhepunkt zu erleben, alle vier Minuten, wenn der Bass unsere Hirnzellen auf 130 bpm schraubte.«

 

07.12.20

 

»Der Dealer trägt Sonnenbrille, obwohl die kleine Zweiraumwohnung stockfinster ist. „Finster“, sagt Marta. „Finster finster“, sagt er.«

 

06.12.20

 

»...wir liebten uns. Und versprachen uns gelegentlich, dass wir es nur mit uns machen würden. Mit niemandem sonst. Und dass es nie endet.

Das Ende kam. Langsam. Dafür umso härter.«

 

05.12.20

 

»Es gab alles in Bleistadt. Aber das war nicht das Problem. Das Problem war, dass wir nur das sahen, was da war.«

 

04.12.20

 

»Die Batterien waren immer leer und die Bänder leierten, einmal die Woche mussten wir sie mit einem Bleistift aufspulen.«

 

03.12.20

 

»Wunderbäume an den Rückspiegeln, DJ Ulli Brenner im Tapedeck, kleine eckige Sonnenbrillen, hinter denen die schwarzen Augen verschwanden, Fantaflaschen in den Händen.«

 

02.12.20

 

»Aber im Spaßmobil zu rauchen ist affig, vor allem wegen der Brandflecke. Wenn einer so zerbastelt ist, seine Glut nicht unter Kontrolle hat, weil Arme und Beine um die Wette zittern, und sie brennt sich in den Sitz oder in die Fußmatte – das ist zum Kotzen.«

 

01.12.20

 

»Bleistadt war das Paradies, das Paradies für kleine Dealer, Verkäufer von Bomberjacken und kleine Dealer in Bomberjacken.«