Harte Jungs im Schreibkurs

Eine Schreibwerkstatt hinter Gittern zu leiten, ist nicht jedermanns Sache. Der Stadtilmer Autor und Schreibtrainer Ronny Ritze hat es getan, sogar mehrmals. Die Ergebnisse liegen nun in einer Anthologie vor

Lesung aus "Schwer Gezeichnet" in der JSA - Ronny Ritze,  Jens Kirsten im Rahmen des Gefängnisprojektes "Lesefluchten" des Thüringer Literaturrates
Lesung aus "Schwer Gezeichnet" in der JSA - Ronny Ritze, Jens Kirsten im Rahmen des Gefängnisprojektes "Lesefluchten" des Thüringer Literaturrates

Vor gut einem Jahr wurde die Jugendstrafanstalt in Arnstadt eröffnet. Sie gilt als eine der modernsten im Land und bietet Platz für 300 straffällig gewordene Jugendliche und junge Erwachsene ab 14 Jahren. 145 Bedienstete sind für die Betreuung, Integration und Sicherheit zuständig. Es gibt Werkstätten, eine Sporthalle, eine Bibliothek, ein Schulgebäude und sogar eine kleine Kapelle. Hauptziel ist Integration und Resozialisierung.

Nun ist es nicht so, dass Jugendliche, die geraubt, erpresst oder geschlagen haben, zur klassischen Zielgruppe einer Werkstatt für kreatives Schreiben zählen. In der Regel sitzen hier Menschen, die in vermeintlich behüteten Verhältnissen aufgewachsen sind und ihrer freien Zeit andere Dinge zu tun pflegen. Schreiben und schlagen passt nicht so recht zusammen. Nach einer Lesung in der Jugendstrafanstalt entschied der Autor Ronny Ritze, mehr als nur einen kurzen Blick hinter die Gitter zu werfen. Er suchte, wie er selbst sagt, eine Möglichkeit, mit der sich die jugendlichen Straftäter mit sich und ihrer Vergangenheit dauerhaft auseinandersetzen können. »Da ich kein Psychologe oder Sozialarbeiter bin, entschied ich mich für das, was ich kann: Schreiben.«

R. Ritze, Justizminister Dieter Lauinger und Verleger Heinz-Herbert Reimer, Foto: Pascal Mauf
R. Ritze, Justizminister Dieter Lauinger und Verleger Heinz-Herbert Reimer, Foto: Pascal Mauf

Über drei Monate betreute der Schreibtrainer die Werkstatt. Acht Jugendliche, die Haftstrafen von bis zu zehn Jahren verbüßen, nahmen teil. Es gab klassische Schreibübungen: Charakterisierungen, Schreibspiele oder Kollektivtexte, aber auch »Schreibaufgaben für die Bude«, für die Zeit zwischen den Werkstatt-Terminen. Aber wie funktionierte das? Wer die Schule abgebrochen hat, hat in der Regel keinen Bock auf Unterricht, auf Aufgaben. »Klar gab es am Anfang lange Gesichter. Aber alles beruhte auf Freiwilligkeit. Man darf keinen Druck aufbauen, nur Reize setzen. Am Ende haben sie sich freiwillig ihre Aufgaben genommen und geschrieben«, sagt Ritze und ergänzt: »Vor allem die Schreib- und Erzählspiele waren wichtig. Spielerisch mit Sprache umzugehen, das war für viele eine völlig neue Erfahrung.« 

Eine Auswahl der entstandenen Texte ist nun in der Anthologie »Schwer gezeichnet« erschienen. Die oftmals autobiografisch gefärbten Gedichte und Prosatexte geben einen Einblick in die Lebenswelt der Jugendlichen. Sie sprechen von Wünschen und Sehnsüchten, zeigen die Unsicherheit und Zerbrechlichkeit, die hinter der harten Schale schlummern. Sicher, es sind keine literarisch durchgearbeiteten Texte, und manchmal schrammen sie sehr knapp am Kitsch vorbei. Zuweilen aber versprühen sie eine lakonische Schlichtheit, die beeindruckt. Wie beim Text »Ich war« von Kevin: »2008 das erste Mal inhaftiert. Zu dreieinhalb Jahren wegen Diebstahl und Körperverletzung. Es war nicht so, dass es mich gestört hat. Ich war gewohnt, für längere Zeit von Zuhause weg zu sein.«

Ronny Ritze (Hg.): Schwer gezeichnet - Jugend hinter Gittern. Garamond-Verlag Jena 2015, 94 S., 14,90 Euro
Ronny Ritze (Hg.): Schwer gezeichnet - Jugend hinter Gittern. Garamond-Verlag Jena 2015, 94 S., 14,90 Euro

Flankierend zu den Texten enthält die Anthologie Interviews mit Personen, die direkt oder indirekt mit dem Strafvollzug zu tun haben, so mit der Leiterin der Jugendstrafanstalt Anette Brüchmann oder der Erfurter Jugendrichterin Heike Schwarz. Auch Clueso wird zu seiner Jugend, zu Gangsterrappern und zu Erziehungsinstanzen befragt. Die Interviews kommentieren die Texte nicht, aber sie helfen, diese einzuordnen.

»Schwer gezeichnet« ist ein erhellendes Buch, das einmal mehr zeigt, wie wichtig das Schreiben als Methode zur Reflexion des eigenen Tuns sein kann. Oder, wie es die Jugendrichterin Heike Schwarz im Interview sagte: »Wer schreibt, hinterfragt sich, Situationen, Erlebtes oder Gehörtes dabei und setzt sich regelmäßig damit auseinander. Was kann es aus Resozialisierungserwägungen Vernünftigeres geben?«

 

Daniel Tanner/ hEFt für Literatur, Stadt und Alltag, #42 Oktober/15