Projekt 2020


abgefeiert (Roman)

Die 90-er: Alf, Al Bundy, Wayne and Garth, Eurodance-Trash, Loveparade, Frankfurt Sound und Aufschwung Ost… Sie sind kein Spaß, nicht für alle. Besonders nicht für Jugendliche, die in einem ostdeutschen Provinznest namens Bleistadt aufwachsen. …

 

Um die 90-er-Jahre zu verstehen, müssen sie von Anfang bis Ende erzählt werden. Besonders hier im Osten, wo man sich fragt, ob die Menschen je eine andere Chance hatten. Irgendwo zwischen Resignation, Drogenwahn, Ausgrenzung und Sinnsuche entstehen Freundschaften und die Sehnsucht, dazuzugehören. Das Romanprojekt „abgefeiert“ beschreibt diese Diskrepanzen und man könnte jetzt sagen: Alles schon dagewesen.

 

Vielleicht. Aber diese Geschichte, in ihrer Offenheit gegenüber einem Leben mit XTC, Trance und Zukunftsangst, wurde bisher nie erzählt. 2020 werde ich mir ausschließlich Zeit für diesen Stoff nehmen.

"In Erbach tropft MDMA-haltiger Schweiß vom Zeltdach. Doch es ist egal, ob es Ost- oder Westschweiß ist, alle sind drauf und hier, um einen kollektiven Höhepunkt zu erleben, alle vier Minuten, sobald der Acid-Sound unsere Hirnzellen auf 130 bpm schraubt."

02.01. 2020

 

ein historischer Moment

Das Jahr geht mit Erinnerungen an viele kleine Begegnungen zu Ende. Neulich war ich in einer kleinen Stadt in einem Gebirge, wo man sich müht, wenn einer kommt, Hochdeutsch zu sprechen, wo man sonst oft dem Wein huldigt, dem Brauch und jetzt gerade in besonders schöner Form dem Weihnachtsfeste. Es war ein verdammt trüber Abend und nur wenige Tapfere drängten sich durch die vernebelte Weihnachts-Konsum-Welt. Ich hatte keine Lust auf Buden und Räucherkerzen, Gedränge. Deshalb kehrte ich in einem schlichten Lokal ein, vor dem ein verblasstes Schild baumelte. Ein paar Stufen führten hinab in einen halbrunden Keller mit Kaminfeuer und knarzenden Bänken. Und hier erzählte mir ein weißhaariger Herr aus seinem Leben. Er richtete seine Brille, lächelte milde und sprach in den Schein eines Kerzenstumpens hinein…

 

Er hat einen Sohn, den Ralf. Immer wenn er Wut spüre, wenn ihn irgendetwas oder irgendwer richtig aufregt, beim Autofahren, in der Politik oder sonstwo, geht er nach Hause und umarmt Ralf. Ralf lacht, wenn er von seinem Vater umarmt wird. Und dann ist alles wieder vergessen. Auch wenn der alte Mann das Haus verlässt, bekommt Ralf das mit und gibt einen Ton von sich, und der Mann geht hin und nimmt seinen Sohn in den Arm und beide lachen.

 

Mehr als lachen kann Ralf auch nicht. Als er vier Jahre alt war, wollte man ihm den Blinddarm rausoperieren. Die Anästhesie setzte ein, man vergaß aus irgendeinem Grund das Kind auf dem OP-Tisch, es verschluckte seine Zunge, Atemstillstand. Sie reanimierten. Was blieb, wurde als schwerst-mehrfachbehindert bezeichnet.

 

Der Mann sagt, Ralf sei neulich fünfzig geworden. Und er überlegt, wie viele Jubiläen das wären. Nach einer Weile schaut er voller Güte und setzt sein Glas ein letztes Mal ab. Dann sagt er, er sei nicht nur so erzogen, er glaube wahrhaftig an Gott, daran, dass es da etwas gibt.

 

Wir nehmen unsere Mäntel und gehen nach draußen, in den Nebel. Der Weihnachtsmarkt hat geschlossen, die Buden sind verriegelt und billiger Glühwein gurgelt durch die Abwasserkanäle. Die Straßenlaternen flackern und Nebelschleier wie aus der Themse schieben sich durch die mittelalterlichen Gassen des kleinen Ortes. Der Mann macht sich auf den Heimweg.

 

Ich sehe ihm nicht nach, aber weiß, dass da, wo er geht, Licht ist.

 

Möge dies von uns allen gesagt werden können.

 

Ein gesegnetes Fest und einen guten Rutsch!

 

22.12.19

Letztlich merkt man, dass man alt ist, wenn einen die Ideen der postindustriellen Gesellschaft überholen. War nicht eben noch 2012 und Weltuntergang?! Waren da nicht: MySpace und StudiVZ, ICQ und Ice Bucket Challenges? Herrgott! Selbst www.ronnyritze.de ist schon zehn Jahre alt. Ich bin alt. Zum Glück gibt’s Zeitmaschinen. Echt jetzt.

Zurück in die Zukunft in Erfurt

Irgendein Autor schreibt unter dem Pseudonym Maik Mudra über die Erfurter Rotlichtszene. Er erinnert sich vor allem an die nach Vanille riechenden Möbel und Klamotten. Zusammen mit einem weiteren Teilnehmer dieser Schreibwerkstatt besucht er ein Bordell in Erfurts Norden, um darüber einen Zeitungsartikel zu tippen. Es ist ein formeller Besuch, und zwar sein erster und letzter in solch einem Etablissement. Es geht darum, das Quartier auszuleuchten. Um die Atmosphäre in einem Bordell einzufangen, um alles so detailgetreu wie möglich zu beschreiben, trinken die beiden ein Bier hier und sprechen mit der Geschäftsleitung. Es ist warm, das müssen sie zugeben, aber anders als erwartet, freundlicher und geschäftiger. Nach dem Gespräch gehen sie wieder. Im Artikel lassen sie dann einen Bordellbesitzer zu Wort kommen, der sich über ausbleibende Kundschaft auslässt: Die einstigen Kunden würden sich lieber zuhause selbstbefriedigen und steckten sich in Ganzkörperanzüge. „Wir haben alles versucht: Von Flatrates über Haus- und Hotelbesuche“, klagt angeblich der Betreiber. Die Menschen seien einfach zu faul für realen Sex geworden… Der Artikel fordert die Unterstützung des Erfurter Stadtrates zur Erhaltung des Etablissements: Vom Stadtrat „stellten sich alle hinter das Laufhaus.“

 

Weiterhin schreiben in der Zeitung Helena Dunkel, Damien Rosberg, Leopold Bloom und Alf Sponsel, alles Namen, die vermuten lassen, dass hier keiner seine Identität preisgibt. Es erscheinen in der querformatigen, sechzehnseitigen Ausgabe ein Artikel über mysteriöse Schwangerschaften, ein weiterer über die Einweihung der 10.000sten Sicherheitskamera in Erfurt, ein Gerichtsbericht zu einem Bäcker, der echte Butter mit Fett anwendete, eine Quiz-Aktion, in der 50 Liter Benzin verschenkt werden, ein Anzeigenteil, in dem Medikamententester, Wirtschaftsorakel und Gleisabbauer gesucht werden, sowie ein Portrait über Cornelia Grotsch: Wer schon mal Straßenbahn gefahren ist, ob in Gera, Erfurt, Chemnitz oder Leipzig, kennt die Schauspielerin aus Freiberg in Sachsen, zumindest ihre Stimme: „…die nächste Haltestelle…“.

 

Der Bordellbesuch und die Straßenbahnstimme Cornelia Grotschs sind echt. Doch sie alle schreiben für eine Ausgabe der Tageszeitung „PIK Nord“. Und die Besonderheit: Die Tageszeitung ist datiert auf den 18. Dezember und noch gar nicht erschienen und alles davon ist noch gar nicht passiert und quasi Futur III: Denn die Zeitung ist reine Satire, es gibt sie gar nicht, und beschreibt den vermeintlichen 18. Dezember 2019. Erdacht und veröffentlicht wird sie aber zehn Jahre zuvor, im Herbst 2009. Damals landet sie in einer Kiste … Eine Kiste, an der Edward Snowden, Steve Jobs, Unheilig und Twilight vorbeiziehen… Gangnam Style und Bubble Tea, LTE und Crystal Meth, Theresa May und Dieter Althaus, Alexa und Industrie 4.0, IPhone 6 und Instagram, Greta Thunberg und Karel Gott, Farm Ville und Kevinismus, Charlie Hebdo und Schmähkritik.

 

PIK Nord ist reine Satire, die an der Realität vorbeischrammt, nichts davon ist wahr.

 

Die Schreibwerkstatt wurde im Herbst 2009 als Zeitungsworkshop ausgerichtet von Plattform e.V. und Kulturrausch e.V. und fand im Rahmen einer Initiative statt, den Erfurter Norden zu beleben, besonders die Jugendbeteiligung zu fördern. Der Kulturrausch e.V. trägt damals das legendäre Erfurter Magazin hEFt, in dem sich hiesige Autoren tummeln. Alle wollen sich ausprobieren und Raum für das Ausprobieren ist genug da.

 

Eine Woche läuft der Zeitungsworkshop, am Ende wird die Ausgabe hundert Mal auf Recyclingpapier gedruckt und verschenkt. Wer genau daran beteiligt war, kann der Autor nicht mehr sagen. Zum Glück vielleicht. Denn ein paar Ideen sind gruselig.

 

Irrtümer:

 

Die Zeitungsmacher gingen davon aus, dass am 18.12.2019:

 

-          USB-Anschlüsse überholt wären

 

-          Oliver Geisen „Wetten dass…?“ moderieren würde, Mark Medlock (DSDS-Juror) auf der Couch, daneben Theodor von Guttenberg als EU-Kommissar und Tokio Hotel erstmals nach ihrer Trennung 2012

 

-          SAW XI in den Kinos liefe, in 4D

 

-          die letzten verbliebenen Neubaublöcke besetzt werden, um sie vor dem Abriss zu schützen

 

-          der Erfurter Domplatz nach historischem Vorbild von 1813 umgestaltet wird

 

-          Clueso Anti-Aggression-Trainings gibt

 

 

Bedenkenswerte Treffer:

 

-          In Erfurt (`s Kreuz) siedeln sich bis 2019 jede Menge Firmen an

 

-          Dem Niedergang der CDU nach der Landtagswahl wird ein Datenskandal beigefügt

 

-          Die SPD kam gerade so über 5 % der Wählerstimmen und ist innerlich zerrissen

 

-          Es wird laut über eine Grün-Nationale-Koalition nachgedacht

 

-          Die Veranstaltungsreihe Herbstlese bekommt eine Frühjahrslese

 

-          Der Weihnachtsmarkt ziehe sich (a.G. der Umgestaltung des Domplatzes) durch die halbe Stadt

 

In dem Artikel über das ausgedachte Bordell schreibt der Autor über den Rückgang der Kundschaft, vor allem verursacht durch Online-Sex-Angebote… Ein wenig also könnte sich auch das bewahrheitet haben. Was dann aus dem echten Etablissement, das ihn und den Kollegen damals so freundlich empfangen hat, geworden ist, weiß er nicht. Auch nicht wie der Sexmarkt heute aussieht. Aber er sagt: Studenten der Uni Jena haben, ebenfalls vor einer Dekade, herausgefunden, dass es nicht das älteste Gewerbe ist, es ist der Totengräber.

18.12. 2019

Jailhouse Rock

Einmal im Jahr geben sie hier in diesem Knast irgendwo in Deutschland ein spezielles Konzert. Eddi, Harry, Kalle, Sergej, Harald und Pronko (So heißen sie doch immer in den Vorstellungen).

Sie nennen es Angehörigen-Konzert. Speziell, um Danke zu sagen, den Menschen, die irgendwas mit der Band zutun haben. Heute sind achtzig Personen geladen. Man lächelt sich nett zu, Männer und Frauen, kennt sich erst mal nicht. Personenkontrolle, Ausweis, Metalldetektor, Warten, Schleuse. Dann über den Knasthof in eine Veranstaltungshalle irgendwo auf dem verbauten und verzäunten Gelände.


Eine weiße Tafel in U-Form, Kerzenlicht, dazu ein Buffet, aufwendig arrangiert.

Die Band ist bekannt, zumindest in anderen Haftanstalten des Landes. Gelegentlich reist sie herum, um abzurocken. Mit eigenem Tourbus, eigenen Fans und mit Beamten. Sie covert Altes und Neues, bringt ihren verrauchten, lebenserfahrenen Stil ein. Dafür proben die Mitglieder regelmäßig und schaffen zwei Dinge. 1.: Vertrauen – was echt ne Hausnummer im Knast sein kann. Und 2.: Authentizität. Sie stehen nicht auf der Bühne, um etwas zu sein, was in der Rock- und Popkultur als männlich-dominant, frivol und leicht verrucht verkauft wird. Sie sind gestandene Typen zwischen 35 und 65, verwegen, verbittert, verschlagen, zynisch, voller Rhythmus und auf dem Weg, ihrem Leben (doch noch) einen weiteren Sinn zu geben, aus den ganzen beschissenen Erfahrungen etwas zu machen. Sie sind der Rock.

Jetzt wird das Licht gedimmt. Auf der Bühne – rote Satinvorhänge, das Banner mit dem Logo der Band auf acht Quadratmeter, davor Traversen mit diskreter Lichtshow – man könnte vergessen, dass hier Menschen rumhängen, die mehr als eine Kerbe im Holz haben – erscheint ein Typ mit Sonnenbrille, schwarzes Sakko, schwarze Krawatte. Begrüßt und kündigt als Vorgruppe einen Zauberer an. „Einer, wie diese hier… wie heißen die… Brothers…“
„Ehrlich“, ruft einer aus dem Publikum, „Ehrlich Brothers.“

Nee, sagt der mit der Sonnenbrille und holt alle wieder zurück auf den Boden: „Wir sind hier im Knast, ehrlich ist hier keiner. Viel Spaß!“

Und dann tritt Magic XXX auf. Karten, Seile, Comedy und echte illusorische Handarbeit. Er hat sich irgendwann in seinem Leben mies verzaubert, stellt sich später raus, und die Anstalt hat eben das Glück, ihn als Bewohner zu haben. In knapp 40 Minuten holt der Magier auch den Letzten ab; man klatscht vornehm und lächelt die Tischnachbarn an.

Um die Skurrilität noch zu steigern, gibt es schon mal was vom Buffet: Lachsbrötchen, Torten, glutenfreies Gebäck, alles Handarbeit, selbst die Keksdosen wurden in der Gefangenentischlerei gefertigt.

Nach der Zaubershow dann die Band. Foxtrot Uniform Charlie Kilo und Seven Nation Army zum Warmwerden. Der Bassist wischt dutzende Male seine Hände trocken und das Instrument, trägt ein Kreuz um und ist mehr als aufgeregt: Es ist sein letztes Konzert, demnächst der offene Vollzug, der Job. Er hat es geschafft. Ein paar Tränen dürfen sein. Dann aber bitte wieder Rock. Der Applaus zwischen den Liedern ist lang. „Bitte“, fordert der Sänger, „das geht alles von unserer Haftzeit ab!“

Spätestens bei „Prison Drum Blues“ spürt jeder, das hier ist echt. Die Mundharmonika, das Schlagzeug, der Typ an der Leadgitarre mit dem breiten Brustkorb. Sie gehen mit ihrem Rhythmus, verschmelzen als Gruppe, die Zuschauer gehen mit. Nach knapp einer Stunde dann doch noch ein deutschsprachiger Rausschmiss. „Über sieben Brücken“ in einer entspannten Version, mit Mundharmonika und braven Gesichtern.

Ganz am Schluss wird den Beamten gedankt, die das möglich machen, häufig neben hunderttausend anderen Aufgaben. Den Menschen, die gekommen sind.

Harry, der Leadgitarrist, gibt die Hand wie ein Schraubstock. Sie sagen Tschüss, ohne etwas anderes zu verlangen, außer dass der Nachmittag gefallen hat.

Draußen ist es dunkel geworden. Die Zellenfenster schauen gelb auf die ungewöhnliche Besucherformation, die zurück nach draußen geschleust wird. Die Band bleibt noch etwas. Und sie ist so gut, dass irgendwer in den Nachthimmel fragt: Was passiert eigentlich, wenn sie entlassen werden…?

 

 24.11.2019

Hintern hochkriegen! / An meine Lieblingsschüler

Vermittlungsgespräche beim Arbeitsamt

 

Berlin Neukölln

 

Was wollen Sie machen?

Ich bin Rapper, Mann!

Alles klar, viel Erfolg! Wenn die ersten Tantiemen fließen (klopft auf den Tisch), dann hier abgeben!


 

Jobcenter Meuselwitz

 

So, Herr Müller…

Emcee Manu!

Ehm, ja, Herr Müller… Was wollen Sie werden?

Rapper!

Was?

Rapper, Mann!

Rabbar?

Rapper, Alter!

(guckt Papiere durch) Also ich hab hier in meiner Liste … Reparatur- und Handwerkerservice…

Nein, Mann, Rapper!

Wie sieht das Tätigkeitsfeld da aus?

Gegner rasieren, Dope rauchen und Bitches knallen.

(guckt Gegenüber lange an) Das… können Sie aber nicht werden.

Is egal, gib mir Geld, für Mikrofon.

Sie bekommen von uns kein Geld, wenn Sie sich nicht aktiv um eine Arbeit bemühen.

Aber ich bin doch akt und tief auch, sagen die Bitches.

Schulabschluss?

Nee, keine von denen.

Sonst irgendwelche Qualifikationen?

Yo, blown können die alle wie ne Eins.

(guckt lange)

Ach so, Sie meinen, ob isch... Nee, ich komm aber in die Quali, mit neum Mic, weißte, deshalb brauch ich die Scheißkohle.

Wer ist Maik?

Maik is mein Dealer, woher kennen Sie den?

Wen?

Maik.

Hören Sie, so kommen wir nicht weiter. Sie füllen mir erst mal den Fragenbogen aus und dann sehen wir, was sie können.

Sehen? Sie mein hörn.

Nein, ich lese es mir dann durch.

Alter, ich schreib meine Lyrics nur für mich auf, Alter, das kann kein Schwein lesen.

Dann bitten Sie jemanden, das für Sie aufzuschreiben.

Sie meinen Maik?

Von mir aus.

Nee Mann, Maik werd ich da garantiert nicht mit reinziehen, der ballert Sie um.

Wissen Sie, ich glaube, wir machen für heute Schluss.

Und was ist mit Kohle?

Fragen Sie doch mal Maik.

Das is n bissel komisch jetzt hier. Sie sind doch dafür zuständig!

Für was?

Für meine Kohle.

Ich helfe Ihnen, einen Arbeitsplatz zu finden.

Aber ich hab einen Platz.

Wo?

Daheim, in meiner Hood…

Sie leben noch bei den Eltern?

Ja, Mann, in meim Zimmer, aber wenn ich das Battle gewinn, ich schwör, dann zieh ich aus.

In einer Hütte?

Nee, in nen Block.

Welchen Block?

Da, wo die echten Typen rumhäng, Mann.

Sie hängen?

Yo.

Im Block?

Auf jeden.

Sie gehen jetzt und schreiben bitte hier drauf, was Sie machen wollen…

Okay, kann ich Ihrn Kuli?

Nein.

Okay, chill, ja! Bis dahin.

Auf Wiedersehen.

Hau rein, Alter, krasse Sache.

26.10.2019

In der Nähe von Heiligenstadt, auf Höhe einer Raststelle werden wir plötzlich von zahlreichen Polizeiautos eingekesselt. Es fühlt sich an, wie in einen schlechten Film, in dem ein Mörder festgenommen wird. Sie zielen mit Schnellfeuerwaffen auf uns, die Autobahn ist abgesperrt. Ich höre aus Kleintransportern Hundebellen und Schreie von Polizisten. Selbst im Polizeiauto kann ich nicht wahrhaben, dass wirklich ich gemeint bin. Ich bin doch nur ein kleiner Einbrecher, harmlos!“

 

Auszug aus TT2

 

...bald schon 2020, das Jahr halb rum und da wird es doch schließlich mit TextTäter 2. Zwei Jahre Arbeit, das Resultat wird demnächst gedruckt vorliegen.

Bis dahin vertreibe ich mir die Zeit: Neue Werkstätten – unter anderem wieder in der Schule „am anderen Ort“ in Erfurt – Präventionsveranstaltungen in Sachsen folgen, Weiterbildung in eigener Sache und in den Köpfen anderer, Angebote in diversen Einrichtungen zur sozialen Unterstützung und dann ist da noch die eigene Textarbeit...

Alles zusammengenommen ist leicht anstrengend. Aber es gibt schlechtere Lebensentwürfe.

20.08. 2019

Märchenwerkstatt … vier Monate später

„Der gute Drache Eberhard“, ein biografisches Theaterstück, gespielt von interessanten Menschen, am 25. Juni live und ohne doppelten Boden

Im wahren Leben sind der Riese und der Jäger nur sehr schwer zu überreden, mitzumachen.
Im wahren Leben haben der Zauberer und die Kammerzofe mehrere interessante Persönlichkeiten, ist die Hexe fast taub und die gute Fee gehbehindert und schlecht gelaunt, wenn jemand ihren Riesen auch nur ansieht.
Im wahren Leben ist der Prinz zu alt für einen Märchenprinzen und nuschelt so stark, dass man ihm ein Schild mit der Übersetzung unters Gesicht halten muss.
Im wahren Leben hat die Königin einen Sohn verloren und deshalb ihre Erinnerungen gelöscht.
Im wahren Leben ist die alte kluge Eule schon 84 und weiß ebenso wie der König fast nichts mehr von der Zeit vor dem Leben auf dem Schloss, nur dass es hier am schönsten ist.
Im wahren Leben ist der gute Drache Eberhard stark nikotinabhängig und qualmt aus einem liebenswürdigen Märchengesicht.
Im wahren Leben wird die Aufführung wahrscheinlich ein heilloses Durcheinander und absolut lustig.
Bis jetzt werden 80 Gäste erwartet.
Der Sommer fängt gut an.

17.06. 2019

Sie hatte Tränen in den Augen und einen Lolli im Mund…

(Maria)

 

Verantwortung, Schule, Freunde, Geschwister, Stil, Liebeskummer, Mobbing, Lehre, Hilfe, Fragen, Wünsche, Alltag und noch mal Verantwortung

 

Es passiert ziemlich viel zwischen dem 12. und 16. Lebensjahr. Die Themen liegen auf der Hand.

Zehn Jugendliche zwischen 12 und 14 werden sich zusammen um das Erwachsenwerden kümmern und daraus Texte basteln. Drei Jungen und sieben Mädchen aus den siebten Klassen haben heute die ersten Sätze geschrieben und den Autor kennengelernt, der sie an ihrer Thüringer Realschule bis zu ihrem Abschluss in drei Jahren begleiten und mit ihnen gemeinsam ein Buch darüber schreiben wird. Die dreijährige Werkstatt befasst sich mit Identitätssuche, mit der Frage, wie Schreiben helfen kann, den Platz im Leben zu finden, was die Jugendlichen wollen, was sie brauchen und wie sich die Gesellschaft mit ihnen auseinandersetzt.

20.03. 2019

… gestern noch die Texte der Profis, mit und ohne Veröffentlichung und mit und ohne Doktor- und sogar Professorentitel. Nach knapp dreijähriger berufsbegleitender Fortbildung, langen Wochenenden mit Versorgung aus einem neonstrahlenden Wasserspender – erhält er ein 180 Gramm starkes Papier, das ihn fortan als „Zertifizierter Autor und Schreibkursleiter“ feiert.
24 Stunden später wird Herr R durch eine Schleuse geschoben. Regen tropft von Stacheldraht. Möwen zanken kreisend über dem Innenhof. Klopapier weht um Stahlgitter. Aus den Fenstern fliegt alles, was man hier nicht essen mag. Schreie, Arabisch. Ein Ort, der viele seiner Bediensteten frisst oder verklumpt. … In einem Raum mit Yogamatten steht ein Stuhlkreis. Jugendliche gucken frostig-gespannt zu, wie Herrn R Buntpapier und Filzstifte austeilt. Die Gruppe gibt es seit heute. „So, gudn Tach, die Herrn …!“ sagt Herr R. Vier Monate haben die Gefangenen jetzt Zeit, Fetzen aus ihren Leben aufzuschreiben. Dabei ist Herr R nicht hier, weil es auf seinem 180-Gramm-Papier steht oder weil irgendjemand es so will.

11.02.2019

Respekt

Im 600 Kilometer entfernten Duisburg hat mich eine Hauptschule eingeladen.

Migrationsanteil: 80 Prozent. Auf dem Schulhof wird geraucht. Lesen und Schreiben ist schwer. Es warten 45 Jugendliche. Deutsche, Türken, Kurden, Araber und Italiener. Sie machen ihren Hauptschulabschluss und bekommen morgen Zeugnisse. Ich habe die Einladung gern angenommen. Im Gepäck: 45 Lollis und neue Geschichten aus dem Vollzug.

 

Wir lange sind Sie hierhergefahren?

Haben Sie schon mal geraucht?

Haben Sie schon mal gezogen?“

Alter, voll interessant.

Drogen sind nicht halal.

Real Madrid oder Juventus Turin?

Wir hätten nicht gedacht, dass sie so lange stillsitzen.

 

Die Fahrt zeigt mir, dass das Programm im Ruhrpott funktioniert und aufgenommen wird. An ihren Reaktionen lerne ich: Egal wo, die Geschichten sind immer ähnlich. Sie sind cool, kommunikativ, hilfsbereit und tieftraurig, wenn man ihnen erzählt, dass Jugendliche töten. Was sie brauchen, auch das ist immer dasselbe, sind Perspektiven (Was nach der Schule machen?), sind Chancen, Anerkennung und Wertschätzung. Und da hilft es nicht, dass Nordrhein-Westfalen gerade die letzten Hauptschulen abschafft. Hier wo eine engagierte Lehrerin in einer Klasse mit 8 Inklusionsschülern klarkommt …?! Das geht nur mit Herz und gegenseitigem Respekt.

Ich komme gern wieder.

06.02. 2019

Projekte 2019


  • TextTäter II
  • Hörspiel-Skript

Projekte 2018


  • Schule am anderen Ort/ Kurzfilm, Thema: Schreiben mit Schulverweigerern, "cash love and drugs" (Regie)
  • Beschulungsprojekt/ Kurzfilm, Themen: Charaktere, Soziale Medien, "Die malvenblaue Marie" (Regie, Buch)
  • Fachschule/ Hörspiel-Werkstatt, Thema Leistungsdruck und Drogenmissbrauch, "Scherben - bzdsuwz" (Buch, Regie)
  • Sächsische Ausbildungs- und Erprobungskanäle/ Hörspiel-Werkstatt, "Das verlorene Ich" (Buch)
  • Wendepunkt e.V. Wolfersdorf, Kultur macht stark/ Hörspiel, Thema Drogenmissbrauch, "IDA" (Buch, Regie)
  • Kulturhaus Arthur Chemnitz/ Schreibwerkstatt
  • Jugendstrafvollzug/ Schreibwerkstatt
  • Strafvollzug/ Schreibwerkstatt, Titelproduktion

Nach der Kanzlerin

Poesietherapie in Berufsschule

Die Übertragungswagen und Transparente sind weg. Die Schüler können wieder unbeobachtet ins Gebäude. Vor einer Woche schauten alle in die Halle auf der anderen Straßenseite. Dort ging es ums Reden, dort standen die Kameras. Heute ist hier eine Schülerpräsentation und am aufgeregtesten sind deshalb die Schüler. In der Aula drängen sich Projektgruppen, tuscheln, verbiegen sich und intonieren Schräglagen. Eine Woche hatten sie Zeit, sich mit ihrem Thema auseinanderzusetzen. Das Berufliche Schulzentrum für Gesundheit und Soziales macht das jedes Jahr. Heute wird gesungen und getanzt, getrommelt und interagiert, gezeigt, was so alles in der Woche entstanden ist.

Eine Projektgruppe befasste sich mit Texten, genauer: mit der heilsamen Wirkung des geschriebenen Wortes. Vier Schülerinnen machten sich und dem Projektleiter klar, wie heilsam biografisches Schreiben sein, durch das Schreiben Vergangenes bewältigt und Zukünftiges geklärt werden kann. Dreißig Meter Luftlinie entfernt, da probierte man vor sieben Tagen den Dialog. Kommunikation ist alles, das wissen die Schüler hier in dieser Aula in Chemnitz. Jetzt wird „Halleluja“ angestimmt. Danach tritt die Projektgruppe nach vorn und fragt: Warum schreiben? Es könnte auch heißen: „Warum, verdammt noch mal, schreibt ihr nicht?!“ Doch so weit gehen sie nicht. Denn hier ist es jedem klar, dass Kommunikation alles ist. Hier schon.

Von der Suche nach Nähe

Ganzjährige Schreibwerkstatt neigt sich dem Ende

Schreibwerkstätten funktionieren fast überall. Nur überall anders. Von Januar bis Dezember 2018 nahmen Kinder des Kinder- und Jugendheims Wolfersdorf an einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Werkstatt teil. Das Resultat ist ein bunter Strauß heiterer Geschichten und Elfchen. Sie tauchen ein in eine Welt voll lieber Trolle, Einhörner und Magier, gebunden mit einer roten Schleife, denn die erste Liebe ist auch nicht weit. Die Jugendlichen tragen ihre Texte vor und haben sich durch das Schreiben befreit.

 

Na ja, so ähnlich.

 

Genau betrachtet vermitteln die Teilnehmer, wie sie leben, was ihre Wünsch und Ängste sind. Dazu feilen sie an einer Dreiecksbeziehung: Ida liebt Pepe, Julia auch. Pepe ahnt noch gar nichts und brennt sich achtlos einen Joint auf einer Goa-Party an. Die Folgen scheinen zunächst verheerend, doch wirken auch klärend. Nebenbei werden Fragen beantwortet, wie: Was sind K.-o.-Tropfen, was ist Missbrauch?

 

Zunächst als Theaterstück konzipiert, stellen die Jugendlichen im Laufe des Jahres fest, dass eine Bühne nicht so ihr Ding ist. Aus dem Theaterstück wird ein Hörspiel-Skript. Alle finden es cool, die Aufnahmen laufen und am Ende wird daraus vielleicht sogar eine CD. Doch was immer auch passiert, im Hintergrund wird geknutscht und geraucht, geschrien und geweint, kommen Teilnehmer in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, Erzieher an ihre Grenzen und ganz oft werden Herzen getröstet, Freundschaften geschlossen und die Einsamkeit zusammen ertragen. Es ist die Geschichte von Kindern, die erwachsen werden, auf sich gestellt in einem Heim. Von der Begegnung mit einem Autor und dem wiederkehrenden Versuch, die diffusen Gefühle in einen Text umzuwandeln. Es bluten Arme vom Ritzen und Herzen vom Hin-und-her-gerissen-sein zwischen Heimen, Pflegefamilien und Erziehungsberechtigten. Die Projektzusammenfassung ist unter dem Titel „IDA. Liebe gegen Lügen“ im Mitteldeutschen Verlag als Buch erschienen. Das Projekt ist eine Initiative des Bundesverbandes der Friedrich-Bödecker-Kreise e. V. im Rahmen von Kultur macht stark, gefördert vom BMBF.

 

Das Hörspiel kann ab Januar 2019 hier bestellt werden.

Wenn Sterne kotzen...

Scherben - bzdsuwz

Hörspiel

Du sollst lächeln, lächeln: Das hat sie mir mindestens schon an die tausend Mal gesagt und ich hörte es immer und immer wieder. Dabei ist sie nie so weit gekommen wie ich.

Mama nervt. Sie möchte aus ihrer Tochter einen Star machen. Doch die hält es nicht mehr aus. Mit 16 ist sie eine Nachwuchslegende im Turnierreiten. Das Training, die Schule und die lauten Eltern werden Hanna zu viel. Und dann ist da noch Pia, die sich in ihr Herz schleicht. Der Weg, Ordnung ins Gedankenkarussell zu bekommen, scheint in einem kleinen Tütchen mit Kristallen zu liegen. Bis zu den Sternen und wieder zurück – versprechen sich die beiden Freundinnen. Doch alles, was ihnen bleibt, ist sich die Seele aus dem Leib zu kotzen. Hanna scheint eine neue beste Freundin gefunden zu haben: Crystal. Wie weit wird sie für den Stoff gehen …?
Scherben- bzdsuwz, ein Hörspiel der Schreib-Werkstatt der Euro Akademie Rochlitz

Aufnahme: SAEK Chemnitz/ Features: 99.3 Radio Mittweida, Destinyday (Soundtrack)

Geld, Liebe und Drogen

Schreiben mit Schulmüden – wie geht das?

Das Storyboard: zwei verplante Hip-Hopper, zwei schulmüde Mädchen auf der Suche nach dem großen Zaster, dazu ein Geldtransporter.
Jessi und Marie haben genug vom einfachen Leben, sie wollen sich was gönnen. Also beschließen sie, einen Geldtransport zu überfallen. Mit dem Transporter von Rico und Annemarie haben sie leichtes Spiel. Denn Rico und Annemarie sind ständig verplant, nutzen ihren Job unter anderem, um Marihuana zu verchecken. Ihr Chef Frank Neumann ahnt die Geschäfte, doch er hat den Kopf voll, denn um seine desolate Firma zu retten, hält er sich mit dubiosen Machenschaften über Wasser. Und dann ist da noch Staatsanwältin G., die wahnsinnig gern amerikanische Fernsehserien schaut, sich fühlt wie in CSI, und gegen „Neumanns Werttransporte“ ermittelt.

Der Überfall gelingt vollends, doch leider wirft Jessi dabei ein Auge auf Annemarie und stellt sie schließlich vor die Wahl: Liebe oder Drogen! Wohin aber jetzt mit dem ganzen Gras? Und was passiert mit den 1,5 Mille aus dem Transporter? Und warum findet G. plötzlich Frank Neumann süß – Herrgott, sie ist verheiratet!

Ein Film über Moral, Jugend, Kiffen und das Schreiben von Geschichten. Entstanden ist die Story in der einjährigen Schreibwerksatt des Cool-Projekts Erfurt im Verein Kontakt in Krisen. Die Teilnehmer sind zwischen 15 und 17 Jahre, befinden sich im Abschlussjahrgang und berichten über ihre Erfahrungen mit Drogen und Schule.

 

Ein Projekt von Cool-Projekt
Mit cooler Unterstützung von: Thüringer Landesfilmdienst und dem Typ auf der Couch
Alles selbst gebastelt und geschminkt
Mit aufwendig arrangiertem Szenenbild
Prämiert für 0 Oskars
Garantiert ohne die Musik von Janett Biedermann und Helene Fischer

Projekte 2015 - 2017


Über diebische Prinzen und drachenzähmende Prinzessinnen

Wann haben Sie das erste Mal geküsst? Wann die ersten Schmetterlinge im Bauch gespürt? Wie gehen Jugendliche heute damit um? Die erste große Liebe ist nicht einfach und oft fragen sich die Mädels: Wo bleibt der blöde Prinz mit seinem doofen Gaul? Während die Jungs Mangas tauschen und zocken.

Ronny Ritze begleitete 17 Schülerinnen und Schüler der Regelschule in Bad Lobenstein ein Jahr lang in einer Schreibwerkstatt. Thema: die erste große Liebe. Nun fasst eine Anthologie die Texte der 13 bis 17-jährigen zusammen, spiegelt die Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen der Jugendlichen und ist nicht immer leicht verdauliche Kuschelliteratur.

Am Ende aber bleibt stets das Gute: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann flirten sie noch heute.

 

„Ich wette, er hat schon viel geküsst. Ich nicht. Das einzige, was meine Lippen sehen, ist was zu essen oder Lippenstift… Und da. Wie erwartet, er weicht zurück und rennt davon.“

 

Voll verknallt – Herzschmerz und andere Katastrophen

Verlag: Impulsgeber e.V., 80 S., Softcover, 6,99€

Hörspiel mit dem Cool Projekt Erfurt

„Das Schlimmste kommt zum Schluss – ein Hörspiel in dreieinhalb Akten“ Die Aufnahmen dauerten drei Monate
„Das Schlimmste kommt zum Schluss – ein Hörspiel in dreieinhalb Akten“ Die Aufnahmen dauerten drei Monate

Das Cool-Projekt ist dem Verein Kontakt in Krisen im Bereich Erziehungshilfen angegliedert. Es bietet Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, das Schuljahr in einem besonderen Rahmen zu absolvieren. Im Vordergrund stehen Bindung, Wertschätzung und ein sozialer Schutzraum, in dem unter anderem der Tagesablauf geübt wird. Zum Beispiel gibt es ein gemeinsames Frühstück, welches den Schülern heilig ist. Zudem findet eine reguläre Beschulung statt, wobei die Arbeitsgruppen und Stoffeinheiten klein gehalten werden. Ziele sind die Vermeidung von aversiven Verhaltensweisen, die Reintegration in die Schule, bestenfalls das Erlangen des Schulabschlusses. 

Mit SchülerInnen des Abschlussjahrgangs 2016/17 entstand ein einstündiges Hörspiel zu den Themen Frauenrechte, Freundschaft, Krieg, Liebe und Tiernahrung. Die 15 bis 17-jährigen erschufen ihre eigenen Charaktere - ein alter Tiernahrungshersteller, seine begabte Tochter, ein findiger Cowboy, eine lebensweise Ehefrau, ein smarter Katzenliebhaber und eine irre Backfee.  Im Laufe des Jahres erarbeiteten die jungen Autoren eine turbulente Gaunerkomödie und nahmen sie schließlich selbstständig auf. Das Audio-Material ergab eine Mixtur aus Geräuschen, Tränen, Lachanfällen und Sprechexperimenten. Zum Schluss entstand ein einstündiges Hörspiel: es zeugt von trockenem Humor und Reibung an sozialen Missständen, wie der Un-Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Harte Jungs im Schreibkurs

Eine Schreibwerkstatt hinter Gittern zu leiten, ist nicht jedermanns Sache. Der Stadtilmer Autor und Schreibtrainer Ronny Ritze hat es getan, sogar mehrmals. Die Ergebnisse liegen nun in einer Anthologie vor

 

Vor gut einem Jahr wurde die Jugendstrafanstalt in Arnstadt eröffnet. Sie gilt als eine der modernsten im Land und bietet Platz für 300 straffällig gewordene Jugendliche und junge Erwachsene ab 14 Jahren. 145 Bedienstete sind für die Betreuung, Integration und Sicherheit zuständig. Es gibt Werkstätten, eine Sporthalle, eine Bibliothek, ein Schulgebäude und sogar eine kleine Kapelle. Hauptziel ist Integration und Resozialisierung.

Nun ist es nicht so, dass Jugendliche, die geraubt, erpresst oder geschlagen haben, zur klassischen Zielgruppe einer Werkstatt für kreatives Schreiben zählen. In der Regel sitzen hier Menschen, die in vermeintlich behüteten Verhältnissen aufgewachsen sind und ihrer freien Zeit andere Dinge zu tun pflegen. Schreiben und schlagen passt nicht so recht zusammen. Nach einer Lesung in der Jugendstrafanstalt entschied der Autor Ronny Ritze, mehr als nur einen kurzen Blick hinter die Gitter zu werfen. Er suchte, wie er selbst sagt, eine Möglichkeit, mit der sich die jugendlichen Straftäter mit sich und ihrer Vergangenheit dauerhaft auseinandersetzen können. »Da ich kein Psychologe oder Sozialarbeiter bin, entschied ich mich für das, was ich kann: Schreiben.«

Lesung aus "Schwer Gezeichnet" in der JSA - mit Jens Kirsten, Gefängnisprojekt "Lesefluchten" Thüringer Literaturrat
Lesung aus "Schwer Gezeichnet" in der JSA - mit Jens Kirsten, Gefängnisprojekt "Lesefluchten" Thüringer Literaturrat

Über drei Monate betreute der Schreibtrainer die Werkstatt. Acht Jugendliche, die Haftstrafen von bis zu zehn Jahren verbüßen, nahmen teil. Es gab klassische Schreibübungen: Charakterisierungen, Schreibspiele oder Kollektivtexte, aber auch »Schreibaufgaben für die Bude«, für die Zeit zwischen den Werkstatt-Terminen. Aber wie funktionierte das? Wer die Schule abgebrochen hat, hat in der Regel keinen Bock auf Unterricht, auf Aufgaben. »Klar gab es am Anfang lange Gesichter. Aber alles beruhte auf Freiwilligkeit. Man darf keinen Druck aufbauen, nur Reize setzen. Am Ende haben sie sich freiwillig ihre Aufgaben genommen und geschrieben«, sagt Ritze und ergänzt: »Vor allem die Schreib- und Erzählspiele waren wichtig. Spielerisch mit Sprache umzugehen, das war für viele eine völlig neue Erfahrung.« 

Eine Auswahl der entstandenen Texte ist nun in der Anthologie »Schwer gezeichnet« erschienen. Die oftmals autobiografisch gefärbten Gedichte und Prosatexte geben einen Einblick in die Lebenswelt der Jugendlichen. Sie sprechen von Wünschen und Sehnsüchten, zeigen die Unsicherheit und Zerbrechlichkeit, die hinter der harten Schale schlummern. Sicher, es sind keine literarisch durchgearbeiteten Texte, und manchmal schrammen sie sehr knapp am Kitsch vorbei. Zuweilen aber versprühen sie eine lakonische Schlichtheit, die beeindruckt. Wie beim Text »Ich war« von Kevin: »2008 das erste Mal inhaftiert. Zu dreieinhalb Jahren wegen Diebstahl und Körperverletzung. Es war nicht so, dass es mich gestört hat. Ich war gewohnt, für längere Zeit von Zuhause weg zu sein.«

Ronny Ritze (Hg.): Schwer gezeichnet - Jugend hinter Gittern. Garamond-Verlag Jena 2015, 94 S., 14,90 Euro
Ronny Ritze (Hg.): Schwer gezeichnet - Jugend hinter Gittern. Garamond-Verlag Jena 2015, 94 S., 14,90 Euro

Flankierend zu den Texten enthält die Anthologie Interviews mit Personen, die direkt oder indirekt mit dem Strafvollzug zu tun haben, so mit der Leiterin der Jugendstrafanstalt Anette Brüchmann oder der Erfurter Jugendrichterin Heike Schwarz. Auch Clueso wird zu seiner Jugend, zu Gangsterrappern und zu Erziehungsinstanzen befragt. Die Interviews kommentieren die Texte nicht, aber sie helfen, diese einzuordnen.

»Schwer gezeichnet« ist ein erhellendes Buch, das einmal mehr zeigt, wie wichtig das Schreiben als Methode zur Reflexion des eigenen Tuns sein kann. Oder, wie es die Jugendrichterin Heike Schwarz im Interview sagte: »Wer schreibt, hinterfragt sich, Situationen, Erlebtes oder Gehörtes dabei und setzt sich regelmäßig damit auseinander. Was kann es aus Resozialisierungserwägungen Vernünftigeres geben?«

 

Daniel Tanner/ hEFt für Literatur, Stadt und Alltag, #42 Oktober/15