Projekte 2018


  • Schule am anderen Ort/ Kurzfilm mit Abschlussjahrgang, Themen: Drehbuch, Schreiben mit Schulverweigerern (Regie)
  • Beschulungsprojekt/ Kurzfilm, Themen: Charaktere, Soziale Medien (Regie, Buch)
  • Fachschule/ Hörspiel-Werkstatt, Thema Leistungsdruck und Drogenmissbrauch (Regie)
  • Sächsische Ausbildungs- und Erprobungskanäle/ Hörspiel-Schreibwerkstatt, Mystery (Buch, Regie)
  • Wendepunkt e.V. Wolfersdorf, Kultur macht stark/ Theaterstück, Thema Drogenmissbrauch (Buch, Regie)
  • Oberschule/ Schreibwerkstatt, GTA
  • Regelschule/ Hörspiel-Werkstatt (Buch, Regie)
  • Jugendstrafvollzug/ Schreibwerkstatt

Projekte 2015 - 2017


Über diebische Prinzen und drachenzähmende Prinzessinnen

Wann haben Sie das erste Mal geküsst? Wann die ersten Schmetterlinge im Bauch gespürt? Wie gehen Jugendliche heute damit um? Die erste große Liebe ist nicht einfach und oft fragen sich die Mädels: Wo bleibt der blöde Prinz mit seinem doofen Gaul? Während die Jungs Mangas tauschen und zocken.

Ronny Ritze begleitete 17 Schülerinnen und Schüler der Regelschule in Bad Lobenstein ein Jahr lang in einer Schreibwerkstatt. Thema: die erste große Liebe. Nun fasst eine Anthologie die Texte der 13 bis 17-jährigen zusammen, spiegelt die Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen der Jugendlichen und ist nicht immer leicht verdauliche Kuschelliteratur.

Am Ende aber bleibt stets das Gute: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann flirten sie noch heute.

 

„Ich wette, er hat schon viel geküsst. Ich nicht. Das einzige, was meine Lippen sehen, ist was zu essen oder Lippenstift… Und da. Wie erwartet, er weicht zurück und rennt davon.“

 

Voll verknallt – Herzschmerz und andere Katastrophen

Verlag: Impulsgeber e.V., 80 S., Softcover, 6,99€

Hörspiel mit dem Cool Projekt Erfurt

„Das Schlimmste kommt zum Schluss – ein Hörspiel in dreieinhalb Akten“ Die Aufnahmen dauerten drei Monate
„Das Schlimmste kommt zum Schluss – ein Hörspiel in dreieinhalb Akten“ Die Aufnahmen dauerten drei Monate

Das Cool-Projekt ist dem Verein Kontakt in Krisen im Bereich Erziehungshilfen angegliedert. Es bietet Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, das Schuljahr in einem besonderen Rahmen zu absolvieren. Im Vordergrund stehen Bindung, Wertschätzung und ein sozialer Schutzraum, in dem unter anderem der Tagesablauf geübt wird. Zum Beispiel gibt es ein gemeinsames Frühstück, welches den Schülern heilig ist. Zudem findet eine reguläre Beschulung statt, wobei die Arbeitsgruppen und Stoffeinheiten klein gehalten werden. Ziele sind die Vermeidung von aversiven Verhaltensweisen, die Reintegration in die Schule, bestenfalls das Erlangen des Schulabschlusses. 

Mit SchülerInnen des Abschlussjahrgangs 2016/17 entstand ein einstündiges Hörspiel zu den Themen Frauenrechte, Freundschaft, Krieg, Liebe und Tiernahrung. Die 15 bis 17-jährigen erschufen ihre eigenen Charaktere - ein alter Tiernahrungshersteller, seine begabte Tochter, ein findiger Cowboy, eine lebensweise Ehefrau, eine smarter Katzenliebhaber und eine irre Backfee.  Im Laufe des Jahres erarbeiten die jungen Autoren eine turbulente Gaunerkomödie und nahmen sie schließlich selbstständig auf. Das Audio-Material ergab eine Mixtur aus Geräuschen, Tränen, Lachanfällen und Sprechexperimenten. Zum Schluss entstand ein einstündiges Hörspiel: es zeugt von trockenem Humor und Reibung an sozialen Missständen, wie der Un-Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Harte Jungs im Schreibkurs

Eine Schreibwerkstatt hinter Gittern zu leiten, ist nicht jedermanns Sache. Der Stadtilmer Autor und Schreibtrainer Ronny Ritze hat es getan, sogar mehrmals. Die Ergebnisse liegen nun in einer Anthologie vor

 

Vor gut einem Jahr wurde die Jugendstrafanstalt in Arnstadt eröffnet. Sie gilt als eine der modernsten im Land und bietet Platz für 300 straffällig gewordene Jugendliche und junge Erwachsene ab 14 Jahren. 145 Bedienstete sind für die Betreuung, Integration und Sicherheit zuständig. Es gibt Werkstätten, eine Sporthalle, eine Bibliothek, ein Schulgebäude und sogar eine kleine Kapelle. Hauptziel ist Integration und Resozialisierung.

Nun ist es nicht so, dass Jugendliche, die geraubt, erpresst oder geschlagen haben, zur klassischen Zielgruppe einer Werkstatt für kreatives Schreiben zählen. In der Regel sitzen hier Menschen, die in vermeintlich behüteten Verhältnissen aufgewachsen sind und ihrer freien Zeit andere Dinge zu tun pflegen. Schreiben und schlagen passt nicht so recht zusammen. Nach einer Lesung in der Jugendstrafanstalt entschied der Autor Ronny Ritze, mehr als nur einen kurzen Blick hinter die Gitter zu werfen. Er suchte, wie er selbst sagt, eine Möglichkeit, mit der sich die jugendlichen Straftäter mit sich und ihrer Vergangenheit dauerhaft auseinandersetzen können. »Da ich kein Psychologe oder Sozialarbeiter bin, entschied ich mich für das, was ich kann: Schreiben.«

Lesung aus "Schwer Gezeichnet" in der JSA - mit Jens Kirsten, Gefängnisprojekt "Lesefluchten" Thüringer Literaturrat
Lesung aus "Schwer Gezeichnet" in der JSA - mit Jens Kirsten, Gefängnisprojekt "Lesefluchten" Thüringer Literaturrat

Über drei Monate betreute der Schreibtrainer die Werkstatt. Acht Jugendliche, die Haftstrafen von bis zu zehn Jahren verbüßen, nahmen teil. Es gab klassische Schreibübungen: Charakterisierungen, Schreibspiele oder Kollektivtexte, aber auch »Schreibaufgaben für die Bude«, für die Zeit zwischen den Werkstatt-Terminen. Aber wie funktionierte das? Wer die Schule abgebrochen hat, hat in der Regel keinen Bock auf Unterricht, auf Aufgaben. »Klar gab es am Anfang lange Gesichter. Aber alles beruhte auf Freiwilligkeit. Man darf keinen Druck aufbauen, nur Reize setzen. Am Ende haben sie sich freiwillig ihre Aufgaben genommen und geschrieben«, sagt Ritze und ergänzt: »Vor allem die Schreib- und Erzählspiele waren wichtig. Spielerisch mit Sprache umzugehen, das war für viele eine völlig neue Erfahrung.« 

Eine Auswahl der entstandenen Texte ist nun in der Anthologie »Schwer gezeichnet« erschienen. Die oftmals autobiografisch gefärbten Gedichte und Prosatexte geben einen Einblick in die Lebenswelt der Jugendlichen. Sie sprechen von Wünschen und Sehnsüchten, zeigen die Unsicherheit und Zerbrechlichkeit, die hinter der harten Schale schlummern. Sicher, es sind keine literarisch durchgearbeiteten Texte, und manchmal schrammen sie sehr knapp am Kitsch vorbei. Zuweilen aber versprühen sie eine lakonische Schlichtheit, die beeindruckt. Wie beim Text »Ich war« von Kevin: »2008 das erste Mal inhaftiert. Zu dreieinhalb Jahren wegen Diebstahl und Körperverletzung. Es war nicht so, dass es mich gestört hat. Ich war gewohnt, für längere Zeit von Zuhause weg zu sein.«

Ronny Ritze (Hg.): Schwer gezeichnet - Jugend hinter Gittern. Garamond-Verlag Jena 2015, 94 S., 14,90 Euro
Ronny Ritze (Hg.): Schwer gezeichnet - Jugend hinter Gittern. Garamond-Verlag Jena 2015, 94 S., 14,90 Euro

Flankierend zu den Texten enthält die Anthologie Interviews mit Personen, die direkt oder indirekt mit dem Strafvollzug zu tun haben, so mit der Leiterin der Jugendstrafanstalt Anette Brüchmann oder der Erfurter Jugendrichterin Heike Schwarz. Auch Clueso wird zu seiner Jugend, zu Gangsterrappern und zu Erziehungsinstanzen befragt. Die Interviews kommentieren die Texte nicht, aber sie helfen, diese einzuordnen.

»Schwer gezeichnet« ist ein erhellendes Buch, das einmal mehr zeigt, wie wichtig das Schreiben als Methode zur Reflexion des eigenen Tuns sein kann. Oder, wie es die Jugendrichterin Heike Schwarz im Interview sagte: »Wer schreibt, hinterfragt sich, Situationen, Erlebtes oder Gehörtes dabei und setzt sich regelmäßig damit auseinander. Was kann es aus Resozialisierungserwägungen Vernünftigeres geben?«

 

Daniel Tanner/ hEFt für Literatur, Stadt und Alltag, #42 Oktober/15