In der Nähe von Heiligenstadt, auf Höhe einer Raststelle werden wir plötzlich von zahlreichen Polizeiautos eingekesselt. Es fühlt sich an, wie in einen schlechten Film, in dem ein Mörder festgenommen wird. Sie zielen mit Schnellfeuerwaffen auf uns, die Autobahn ist abgesperrt. Ich höre aus Kleintransportern Hundebellen und Schreie von Polizisten. Selbst im Polizeiauto kann ich nicht wahrhaben, dass wirklich ich gemeint bin. Ich bin doch nur ein kleiner Einbrecher, harmlos!“

 

Auszug aus TT2

 

...bald schon 2020, das Jahr halb rum und da wird es doch schließlich mit TextTäter 2. Zwei Jahre Arbeit, das Resultat wird demnächst gedruckt vorliegen.

Bis dahin vertreibe ich mir die Zeit: Neue Werkstätten – unter anderem wieder in der Schule „am anderen Ort“ in Erfurt – Präventionsveranstaltungen in Sachsen folgen, Weiterbildung in eigener Sache und in den Köpfen anderer, Angebote in diversen Einrichtungen zur sozialen Unterstützung und dann ist da noch die eigene Textarbeit...

Alles zusammengenommen ist leicht anstrengend. Aber es gibt schlechtere Lebensentwürfe.

20.08. 2019

Märchenwerkstatt … vier Monate später

„Der gute Drache Eberhard“, ein biografisches Theaterstück, gespielt von interessanten Menschen, am 25. Juni live und ohne doppelten Boden

Im wahren Leben sind der Riese und der Jäger nur sehr schwer zu überreden, mitzumachen.
Im wahren Leben haben der Zauberer und die Kammerzofe mehrere interessante Persönlichkeiten, ist die Hexe fast taub und die gute Fee gehbehindert und schlecht gelaunt, wenn jemand ihren Riesen auch nur ansieht.
Im wahren Leben ist der Prinz zu alt für einen Märchenprinzen und nuschelt so stark, dass man ihm ein Schild mit der Übersetzung unters Gesicht halten muss.
Im wahren Leben hat die Königin einen Sohn verloren und deshalb ihre Erinnerungen gelöscht.
Im wahren Leben ist die alte kluge Eule schon 84 und weiß ebenso wie der König fast nichts mehr von der Zeit vor dem Leben auf dem Schloss, nur dass es hier am schönsten ist.
Im wahren Leben ist der gute Drache Eberhard stark nikotinabhängig und qualmt aus einem liebenswürdigen Märchengesicht.
Im wahren Leben wird die Aufführung wahrscheinlich ein heilloses Durcheinander und absolut lustig.
Bis jetzt werden 80 Gäste erwartet.
Der Sommer fängt gut an.

17.06. 2019

Sie hatte Tränen in den Augen und einen Lolli im Mund…

(Maria)

 

Verantwortung, Schule, Freunde, Geschwister, Stil, Liebeskummer, Mobbing, Lehre, Hilfe, Fragen, Wünsche, Alltag und noch mal Verantwortung

 

Es passiert ziemlich viel zwischen dem 12. und 16. Lebensjahr. Die Themen liegen auf der Hand.

Zehn Jugendliche zwischen 12 und 14 werden sich zusammen um das Erwachsenwerden kümmern und daraus Texte basteln. Drei Jungen und sieben Mädchen aus den siebten Klassen haben heute die ersten Sätze geschrieben und den Autor kennengelernt, der sie an ihrer Thüringer Realschule bis zu ihrem Abschluss in drei Jahren begleiten und mit ihnen gemeinsam ein Buch darüber schreiben wird. Die dreijährige Werkstatt befasst sich mit Identitätssuche, mit der Frage, wie Schreiben helfen kann, den Platz im Leben zu finden, was die Jugendlichen wollen, was sie brauchen und wie sich die Gesellschaft mit ihnen auseinandersetzt.

20.03. 2019

… gestern noch die Texte der Profis, mit und ohne Veröffentlichung und mit und ohne Doktor- und sogar Professorentitel. Nach knapp dreijähriger berufsbegleitender Fortbildung, langen Wochenenden mit Versorgung aus einem neonstrahlenden Wasserspender – erhält er ein 180 Gramm starkes Papier, das ihn fortan als „Zertifizierter Autor und Schreibkursleiter“ feiert.
24 Stunden später wird Herr R durch eine Schleuse geschoben. Regen tropft von Stacheldraht. Möwen zanken kreisend über dem Innenhof. Klopapier weht um Stahlgitter. Aus den Fenstern fliegt alles, was man hier nicht essen mag. Schreie, Arabisch. Ein Ort, der viele seiner Bediensteten frisst oder verklumpt. … In einem Raum mit Yogamatten steht ein Stuhlkreis. Jugendliche gucken frostig-gespannt zu, wie Herrn R Buntpapier und Filzstifte austeilt. Die Gruppe gibt es seit heute. „So, gudn Tach, die Herrn …!“ sagt Herr R. Vier Monate haben die Gefangenen jetzt Zeit, Fetzen aus ihren Leben aufzuschreiben. Dabei ist Herr R nicht hier, weil es auf seinem 180-Gramm-Papier steht oder weil irgendjemand es so will.

11.02.2019

Respekt

Im 600 Kilometer entfernten Duisburg hat mich eine Hauptschule eingeladen.

Migrationsanteil: 80 Prozent. Auf dem Schulhof wird geraucht. Lesen und Schreiben ist schwer. Es warten 45 Jugendliche. Deutsche, Türken, Kurden, Araber und Italiener. Sie machen ihren Hauptschulabschluss und bekommen morgen Zeugnisse. Ich habe die Einladung gern angenommen. Im Gepäck: 45 Lollis und neue Geschichten aus dem Vollzug.

 

Wir lange sind Sie hierhergefahren?

Haben Sie schon mal geraucht?

Haben Sie schon mal gezogen?“

Alter, voll interessant.

Drogen sind nicht halal.

Real Madrid oder Juventus Turin?

Wir hätten nicht gedacht, dass sie so lange stillsitzen.

 

Die Fahrt zeigt mir, dass das Programm im Ruhrpott funktioniert und aufgenommen wird. An ihren Reaktionen lerne ich: Egal wo, die Geschichten sind immer ähnlich. Sie sind cool, kommunikativ, hilfsbereit und tieftraurig, wenn man ihnen erzählt, dass Jugendliche töten. Was sie brauchen, auch das ist immer dasselbe, sind Perspektiven (Was nach der Schule machen?), sind Chancen, Anerkennung und Wertschätzung. Und da hilft es nicht, dass Nordrhein-Westfalen gerade die letzten Hauptschulen abschafft. Hier wo eine engagierte Lehrerin in einer Klasse mit 8 Inklusionsschülern klarkommt …?! Das geht nur mit Herz und gegenseitigem Respekt.

Ich komme gern wieder.

06.02. 2019

Projekte 2019


  • TextTäter II
  • Hörspiel-Skript

Projekte 2018


  • Schule am anderen Ort/ Kurzfilm, Thema: Schreiben mit Schulverweigerern, "cash love and drugs" (Regie)
  • Beschulungsprojekt/ Kurzfilm, Themen: Charaktere, Soziale Medien, "Die malvenblaue Marie" (Regie, Buch)
  • Fachschule/ Hörspiel-Werkstatt, Thema Leistungsdruck und Drogenmissbrauch, "Scherben - bzdsuwz" (Buch, Regie)
  • Sächsische Ausbildungs- und Erprobungskanäle/ Hörspiel-Werkstatt, "Das verlorene Ich" (Buch)
  • Wendepunkt e.V. Wolfersdorf, Kultur macht stark/ Hörspiel, Thema Drogenmissbrauch, "IDA" (Buch, Regie)
  • Kulturhaus Arthur Chemnitz/ Schreibwerkstatt
  • Jugendstrafvollzug/ Schreibwerkstatt
  • Strafvollzug/ Schreibwerkstatt, Titelproduktion

Nach der Kanzlerin

Poesietherapie in Berufsschule

Die Übertragungswagen und Transparente sind weg. Die Schüler können wieder unbeobachtet ins Gebäude. Vor einer Woche schauten alle in die Halle auf der anderen Straßenseite. Dort ging es ums Reden, dort standen die Kameras. Heute ist hier eine Schülerpräsentation und am aufgeregtesten sind deshalb die Schüler. In der Aula drängen sich Projektgruppen, tuscheln, verbiegen sich und intonieren Schräglagen. Eine Woche hatten sie Zeit, sich mit ihrem Thema auseinanderzusetzen. Das Berufliche Schulzentrum für Gesundheit und Soziales macht das jedes Jahr. Heute wird gesungen und getanzt, getrommelt und interagiert, gezeigt, was so alles in der Woche entstanden ist.

Eine Projektgruppe befasste sich mit Texten, genauer: mit der heilsamen Wirkung des geschriebenen Wortes. Vier Schülerinnen machten sich und dem Projektleiter klar, wie heilsam biografisches Schreiben sein, durch das Schreiben Vergangenes bewältigt und Zukünftiges geklärt werden kann. Dreißig Meter Luftlinie entfernt, da probierte man vor sieben Tagen den Dialog. Kommunikation ist alles, das wissen die Schüler hier in dieser Aula in Chemnitz. Jetzt wird „Halleluja“ angestimmt. Danach tritt die Projektgruppe nach vorn und fragt: Warum schreiben? Es könnte auch heißen: „Warum, verdammt noch mal, schreibt ihr nicht?!“ Doch so weit gehen sie nicht. Denn hier ist es jedem klar, dass Kommunikation alles ist. Hier schon.

Von der Suche nach Nähe

Ganzjährige Schreibwerkstatt neigt sich dem Ende

Schreibwerkstätten funktionieren fast überall. Nur überall anders. Von Januar bis Dezember 2018 nahmen Kinder des Kinder- und Jugendheims Wolfersdorf an einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Werkstatt teil. Das Resultat ist ein bunter Strauß heiterer Geschichten und Elfchen. Sie tauchen ein in eine Welt voll lieber Trolle, Einhörner und Magier, gebunden mit einer roten Schleife, denn die erste Liebe ist auch nicht weit. Die Jugendlichen tragen ihre Texte vor und haben sich durch das Schreiben befreit.

 

Na ja, so ähnlich.

 

Genau betrachtet vermitteln die Teilnehmer, wie sie leben, was ihre Wünsch und Ängste sind. Dazu feilen sie an einer Dreiecksbeziehung: Ida liebt Pepe, Julia auch. Pepe ahnt noch gar nichts und brennt sich achtlos einen Joint auf einer Goa-Party an. Die Folgen scheinen zunächst verheerend, doch wirken auch klärend. Nebenbei werden Fragen beantwortet, wie: Was sind K.-o.-Tropfen, was ist Missbrauch?

 

Zunächst als Theaterstück konzipiert, stellen die Jugendlichen im Laufe des Jahres fest, dass eine Bühne nicht so ihr Ding ist. Aus dem Theaterstück wird ein Hörspiel-Skript. Alle finden es cool, die Aufnahmen laufen und am Ende wird daraus vielleicht sogar eine CD. Doch was immer auch passiert, im Hintergrund wird geknutscht und geraucht, geschrien und geweint, kommen Teilnehmer in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, Erzieher an ihre Grenzen und ganz oft werden Herzen getröstet, Freundschaften geschlossen und die Einsamkeit zusammen ertragen. Es ist die Geschichte von Kindern, die erwachsen werden, auf sich gestellt in einem Heim. Von der Begegnung mit einem Autor und dem wiederkehrenden Versuch, die diffusen Gefühle in einen Text umzuwandeln. Es bluten Arme vom Ritzen und Herzen vom Hin-und-her-gerissen-sein zwischen Heimen, Pflegefamilien und Erziehungsberechtigten. Die Projektzusammenfassung ist unter dem Titel „IDA. Liebe gegen Lügen“ im Mitteldeutschen Verlag als Buch erschienen. Das Projekt ist eine Initiative des Bundesverbandes der Friedrich-Bödecker-Kreise e. V. im Rahmen von Kultur macht stark, gefördert vom BMBF.

 

Das Hörspiel kann ab Januar 2019 hier bestellt werden.

Wenn Sterne kotzen...

Scherben - bzdsuwz

Hörspiel

Du sollst lächeln, lächeln: Das hat sie mir mindestens schon an die tausend Mal gesagt und ich hörte es immer und immer wieder. Dabei ist sie nie so weit gekommen wie ich.

Mama nervt. Sie möchte aus ihrer Tochter einen Star machen. Doch die hält es nicht mehr aus. Mit 16 ist sie eine Nachwuchslegende im Turnierreiten. Das Training, die Schule und die lauten Eltern werden Hanna zu viel. Und dann ist da noch Pia, die sich in ihr Herz schleicht. Der Weg, Ordnung ins Gedankenkarussell zu bekommen, scheint in einem kleinen Tütchen mit Kristallen zu liegen. Bis zu den Sternen und wieder zurück – versprechen sich die beiden Freundinnen. Doch alles, was ihnen bleibt, ist sich die Seele aus dem Leib zu kotzen. Hanna scheint eine neue beste Freundin gefunden zu haben: Crystal. Wie weit wird sie für den Stoff gehen …?
Scherben- bzdsuwz, ein Hörspiel der Schreib-Werkstatt der Euro Akademie Rochlitz

Aufnahme: SAEK Chemnitz/ Features: 99.3 Radio Mittweida, Destinyday (Soundtrack)

Geld, Liebe und Drogen

Schreiben mit Schulmüden – wie geht das?

Das Storyboard: zwei verplante Hip-Hopper, zwei schulmüde Mädchen auf der Suche nach dem großen Zaster, dazu ein Geldtransporter.
Jessi und Marie haben genug vom einfachen Leben, sie wollen sich was gönnen. Also beschließen sie, einen Geldtransport zu überfallen. Mit dem Transporter von Rico und Annemarie haben sie leichtes Spiel. Denn Rico und Annemarie sind ständig verplant, nutzen ihren Job unter anderem, um Marihuana zu verchecken. Ihr Chef Frank Neumann ahnt die Geschäfte, doch er hat den Kopf voll, denn um seine desolate Firma zu retten, hält er sich mit dubiosen Machenschaften über Wasser. Und dann ist da noch Staatsanwältin G., die wahnsinnig gern amerikanische Fernsehserien schaut, sich fühlt wie in CSI, und gegen „Neumanns Werttransporte“ ermittelt.

Der Überfall gelingt vollends, doch leider wirft Jessi dabei ein Auge auf Annemarie und stellt sie schließlich vor die Wahl: Liebe oder Drogen! Wohin aber jetzt mit dem ganzen Gras? Und was passiert mit den 1,5 Mille aus dem Transporter? Und warum findet G. plötzlich Frank Neumann süß – Herrgott, sie ist verheiratet!

Ein Film über Moral, Jugend, Kiffen und das Schreiben von Geschichten. Entstanden ist die Story in der einjährigen Schreibwerksatt des Cool-Projekts Erfurt im Verein Kontakt in Krisen. Die Teilnehmer sind zwischen 15 und 17 Jahre, befinden sich im Abschlussjahrgang und berichten über ihre Erfahrungen mit Drogen und Schule.

 

Ein Projekt von Cool-Projekt
Mit cooler Unterstützung von: Thüringer Landesfilmdienst und dem Typ auf der Couch
Alles selbst gebastelt und geschminkt
Mit aufwendig arrangiertem Szenenbild
Prämiert für 0 Oskars
Garantiert ohne die Musik von Janett Biedermann und Helene Fischer

Projekte 2015 - 2017


Über diebische Prinzen und drachenzähmende Prinzessinnen

Wann haben Sie das erste Mal geküsst? Wann die ersten Schmetterlinge im Bauch gespürt? Wie gehen Jugendliche heute damit um? Die erste große Liebe ist nicht einfach und oft fragen sich die Mädels: Wo bleibt der blöde Prinz mit seinem doofen Gaul? Während die Jungs Mangas tauschen und zocken.

Ronny Ritze begleitete 17 Schülerinnen und Schüler der Regelschule in Bad Lobenstein ein Jahr lang in einer Schreibwerkstatt. Thema: die erste große Liebe. Nun fasst eine Anthologie die Texte der 13 bis 17-jährigen zusammen, spiegelt die Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen der Jugendlichen und ist nicht immer leicht verdauliche Kuschelliteratur.

Am Ende aber bleibt stets das Gute: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann flirten sie noch heute.

 

„Ich wette, er hat schon viel geküsst. Ich nicht. Das einzige, was meine Lippen sehen, ist was zu essen oder Lippenstift… Und da. Wie erwartet, er weicht zurück und rennt davon.“

 

Voll verknallt – Herzschmerz und andere Katastrophen

Verlag: Impulsgeber e.V., 80 S., Softcover, 6,99€

Hörspiel mit dem Cool Projekt Erfurt

„Das Schlimmste kommt zum Schluss – ein Hörspiel in dreieinhalb Akten“ Die Aufnahmen dauerten drei Monate
„Das Schlimmste kommt zum Schluss – ein Hörspiel in dreieinhalb Akten“ Die Aufnahmen dauerten drei Monate

Das Cool-Projekt ist dem Verein Kontakt in Krisen im Bereich Erziehungshilfen angegliedert. Es bietet Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, das Schuljahr in einem besonderen Rahmen zu absolvieren. Im Vordergrund stehen Bindung, Wertschätzung und ein sozialer Schutzraum, in dem unter anderem der Tagesablauf geübt wird. Zum Beispiel gibt es ein gemeinsames Frühstück, welches den Schülern heilig ist. Zudem findet eine reguläre Beschulung statt, wobei die Arbeitsgruppen und Stoffeinheiten klein gehalten werden. Ziele sind die Vermeidung von aversiven Verhaltensweisen, die Reintegration in die Schule, bestenfalls das Erlangen des Schulabschlusses. 

Mit SchülerInnen des Abschlussjahrgangs 2016/17 entstand ein einstündiges Hörspiel zu den Themen Frauenrechte, Freundschaft, Krieg, Liebe und Tiernahrung. Die 15 bis 17-jährigen erschufen ihre eigenen Charaktere - ein alter Tiernahrungshersteller, seine begabte Tochter, ein findiger Cowboy, eine lebensweise Ehefrau, ein smarter Katzenliebhaber und eine irre Backfee.  Im Laufe des Jahres erarbeiteten die jungen Autoren eine turbulente Gaunerkomödie und nahmen sie schließlich selbstständig auf. Das Audio-Material ergab eine Mixtur aus Geräuschen, Tränen, Lachanfällen und Sprechexperimenten. Zum Schluss entstand ein einstündiges Hörspiel: es zeugt von trockenem Humor und Reibung an sozialen Missständen, wie der Un-Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Harte Jungs im Schreibkurs

Eine Schreibwerkstatt hinter Gittern zu leiten, ist nicht jedermanns Sache. Der Stadtilmer Autor und Schreibtrainer Ronny Ritze hat es getan, sogar mehrmals. Die Ergebnisse liegen nun in einer Anthologie vor

 

Vor gut einem Jahr wurde die Jugendstrafanstalt in Arnstadt eröffnet. Sie gilt als eine der modernsten im Land und bietet Platz für 300 straffällig gewordene Jugendliche und junge Erwachsene ab 14 Jahren. 145 Bedienstete sind für die Betreuung, Integration und Sicherheit zuständig. Es gibt Werkstätten, eine Sporthalle, eine Bibliothek, ein Schulgebäude und sogar eine kleine Kapelle. Hauptziel ist Integration und Resozialisierung.

Nun ist es nicht so, dass Jugendliche, die geraubt, erpresst oder geschlagen haben, zur klassischen Zielgruppe einer Werkstatt für kreatives Schreiben zählen. In der Regel sitzen hier Menschen, die in vermeintlich behüteten Verhältnissen aufgewachsen sind und ihrer freien Zeit andere Dinge zu tun pflegen. Schreiben und schlagen passt nicht so recht zusammen. Nach einer Lesung in der Jugendstrafanstalt entschied der Autor Ronny Ritze, mehr als nur einen kurzen Blick hinter die Gitter zu werfen. Er suchte, wie er selbst sagt, eine Möglichkeit, mit der sich die jugendlichen Straftäter mit sich und ihrer Vergangenheit dauerhaft auseinandersetzen können. »Da ich kein Psychologe oder Sozialarbeiter bin, entschied ich mich für das, was ich kann: Schreiben.«

Lesung aus "Schwer Gezeichnet" in der JSA - mit Jens Kirsten, Gefängnisprojekt "Lesefluchten" Thüringer Literaturrat
Lesung aus "Schwer Gezeichnet" in der JSA - mit Jens Kirsten, Gefängnisprojekt "Lesefluchten" Thüringer Literaturrat

Über drei Monate betreute der Schreibtrainer die Werkstatt. Acht Jugendliche, die Haftstrafen von bis zu zehn Jahren verbüßen, nahmen teil. Es gab klassische Schreibübungen: Charakterisierungen, Schreibspiele oder Kollektivtexte, aber auch »Schreibaufgaben für die Bude«, für die Zeit zwischen den Werkstatt-Terminen. Aber wie funktionierte das? Wer die Schule abgebrochen hat, hat in der Regel keinen Bock auf Unterricht, auf Aufgaben. »Klar gab es am Anfang lange Gesichter. Aber alles beruhte auf Freiwilligkeit. Man darf keinen Druck aufbauen, nur Reize setzen. Am Ende haben sie sich freiwillig ihre Aufgaben genommen und geschrieben«, sagt Ritze und ergänzt: »Vor allem die Schreib- und Erzählspiele waren wichtig. Spielerisch mit Sprache umzugehen, das war für viele eine völlig neue Erfahrung.« 

Eine Auswahl der entstandenen Texte ist nun in der Anthologie »Schwer gezeichnet« erschienen. Die oftmals autobiografisch gefärbten Gedichte und Prosatexte geben einen Einblick in die Lebenswelt der Jugendlichen. Sie sprechen von Wünschen und Sehnsüchten, zeigen die Unsicherheit und Zerbrechlichkeit, die hinter der harten Schale schlummern. Sicher, es sind keine literarisch durchgearbeiteten Texte, und manchmal schrammen sie sehr knapp am Kitsch vorbei. Zuweilen aber versprühen sie eine lakonische Schlichtheit, die beeindruckt. Wie beim Text »Ich war« von Kevin: »2008 das erste Mal inhaftiert. Zu dreieinhalb Jahren wegen Diebstahl und Körperverletzung. Es war nicht so, dass es mich gestört hat. Ich war gewohnt, für längere Zeit von Zuhause weg zu sein.«

Ronny Ritze (Hg.): Schwer gezeichnet - Jugend hinter Gittern. Garamond-Verlag Jena 2015, 94 S., 14,90 Euro
Ronny Ritze (Hg.): Schwer gezeichnet - Jugend hinter Gittern. Garamond-Verlag Jena 2015, 94 S., 14,90 Euro

Flankierend zu den Texten enthält die Anthologie Interviews mit Personen, die direkt oder indirekt mit dem Strafvollzug zu tun haben, so mit der Leiterin der Jugendstrafanstalt Anette Brüchmann oder der Erfurter Jugendrichterin Heike Schwarz. Auch Clueso wird zu seiner Jugend, zu Gangsterrappern und zu Erziehungsinstanzen befragt. Die Interviews kommentieren die Texte nicht, aber sie helfen, diese einzuordnen.

»Schwer gezeichnet« ist ein erhellendes Buch, das einmal mehr zeigt, wie wichtig das Schreiben als Methode zur Reflexion des eigenen Tuns sein kann. Oder, wie es die Jugendrichterin Heike Schwarz im Interview sagte: »Wer schreibt, hinterfragt sich, Situationen, Erlebtes oder Gehörtes dabei und setzt sich regelmäßig damit auseinander. Was kann es aus Resozialisierungserwägungen Vernünftigeres geben?«

 

Daniel Tanner/ hEFt für Literatur, Stadt und Alltag, #42 Oktober/15