In der Carola-Krise

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ 2 Tim 1,7

I

Das quietschgelbe Glücksrad

 

Spätsommer 2019, ein Stadtfest in einer mittelsächsischen Kleinstadt. Um die Händler zu entlasten, das Marketing schick zu machen, nimmt man fünf Euro Eintritt. Es gibt nichts dafür, man wird nur durchgelassen und darf durch die Stadt bummeln. Bei schwülen 41 Grad. Kaum jemand kommt, die kleinen Fahrgeschäfte warten, Spiel und Spaß mit Entenangeln und Hindernisparcours. Vereinzelt streunen Kinder umher, die sich durch dunkle Gassen geschlichen haben oder in der Innenstadt hausen. Sie bleiben beim fahrenden Händler stehen, gucken, haben kein Geld. Ohnehin gibt es nicht viel. Manchmal ein Lächeln, seltener etwas Besonderes zu gewinnen. Eine traurige Stofftiersammlung vom letzten, vorletzten und vorvorletzten Jahr, Preise, die aus untersten Großhandelsregalen eingekauft wurden, bereits vor Dekaden.

In einer Seitengasse wartet ein Stand mit einem Glücksrad; in fünf Sekunden spielt sich folgende Szene ab: Das Rad ist quietschgelb, in der DDR selbst gebastelt. Ein älterer Herr sitzt auf einem weißen Plastikstuhl und starrt. Neben sich und dem Rad ein Schild: ein Mal Drehen am Rad kostet fünfzig Cent. Im Hintergrund ein aufgeklappter Anhänger mit kargem Plastikspielzeug. Zwei Jungen, vielleicht zehn oder elf Jahre, noch nicht jugendlich, fast keine Kinder mehr, kommen vorbei und fragen lächelnd: „Dürfen wir nur mal so drehen, ohne Geld?“

Der Mann glüht, zuckt und faucht: „Nein!“ Auf keinen Fall ohne Bezahlung! Er verwandelt sich in einen Drachen, schwingt auf, kreist über den Jungen, dem Stadtfest und der Stadt, sprüht: „Nein!“, und hockt sich wieder.

Die beiden Jungen erschaudern und gehen weiter; der Mann sitzt still auf seinem Stuhl.

 

II

Der Wollmützenelektriker

 

Bevor er meine Wohnung betritt, will er mir die Hand geben. Ich ziehe sie weg. Es ist März, wir stehen am Anfang, aber die Bilder des in acht Tagen in Wuhan aus dem Boden gestampften Krankenhauses lassen mich zurückschrecken. „Keine Angst“, sagt der Elektriker in breitem Sächsisch. „Ich habe keine Carola.“

Trotzdem.

Als er sich an die Steckdosen macht, die zur Installation eines Waschbeckens vorübergehend abgeschaltet werden sollen, frage ich, ob er nicht den Strom abstellen wolle. „Ach“, winkt er ab, „ich mache das seit dreißig Jahren, wenn ich eine gewischt kriege, ist das, wie wenn Sie an ner Batterie gezwickt werden.“

Das ist gut, das sollte ich mir merken. Ich habe Schüler, denen ein Virus vermutlich nicht so einfach was anhaben kann. Es kommt kurz vorbei, sagt Hallo und geht schnell wieder. Wer auf Grund seiner Lebensweise eine gute Widerstandskraft gegen Viren und Keime aufbaut, hat vielleicht einen Vorteil und wird nicht infiziert… „Infiziert“! Woher nochmal habe ich diesen sprachlichen Ausdruck?! „Infizierte!“, das klingt nach einem Zombiefilm – der Begriff ist furchtbar! Er suggeriert ein Bild von Untergang und Hysterie! Die Apokalypse ist nicht fern, sagt er. Die Infizierten kommen! Natürlich wäre es mir lieber, alle würden es ein wenig ernster nehmen, sonst kommen die Ausgangssperren, aber man muss es nicht übertreiben! Und natürlich wäre es mir lieber, ich könnte meinem Immunsystem vertrauen – so wie der Mann in meiner Steckdose – wenn mich der Virus befällt, wäre es, als würde ich bloß von einer Batterie gezwickt. Aber ganz so ist es wohl nicht. Und auch wenn sich auf der Straße besonders die Kids keine Lungenentzündung holen, denn so ein Virus hat ja auch Ehre, so wird es wohl nicht bei ein paar Schreckensmeldungen bleiben.

Ein paar Tage später reden sie in den Nachrichten von Maßnahmen „in der Corona-Krise“. Und wieder ist es die Formulierung, die mich verrückt macht. „Arbeiten in der Corona-Krise“, „Sonderwege in der Corona-Krise“, „Manager der Corona-Krise“

Durch die Schreibwerkstätten in der Erziehungshilfe, im Strafvollzug und der Psychiatrie, frage mich seit fünf Jahren, wie man mit Krisensituationen umgeht. Das Setting sah bisher ähnlich aus. Doch heute sind nicht Einzelne betroffen, sondern wir stehen vor einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Viele erfahren Entbehrungen, wie man sie sonst nur in einer Haftsituation erlebt, müssen mit Entzug von Aufmerksamkeit und Liebe und mit Depressionen zurechtkommen, Anpassungszwängen und Kontrollverlusten.

Was mich dabei zutiefst beunruhigt, sind die Neurotiker, denen man jetzt größte Aufmerksamkeit schenken müsste – besonders den Psychopathen. Manchen arbeiten nicht in Positionen, wo man sie sieht und unter Kontrolle hat, etwa in der Politik oder auf Showbühnen. Einige von ihnen haben bis jetzt nett den Rasen nebenan gemäht, ihren Müll sortiert und lieb gegrüßt. Während es bei den einfachen Narzissten darauf ankommt, ein wenig Kontrolle zurück zu gewinnen, ergattert der Psychopath mit dieser Notlage einen Freifahrtschein. Wenn wir das soziale Netz wieder spannen, die Frauenhäuser und Kinderheime funktionieren, Sozialarbeiter die blauen Flecke und Hämatome entdecken und behandeln können, sind die wirklich Gefährlichen aus dem Käfig. Medial gehen wir davon aus, dass wir uns in einer Krise befinden, dass wir „in der Corona-Krise“ sind. Das sagt erstens, dass es eine beherrschbare Situation ist, denn eine Krise bekommt man unter Kontrolle und sie ist auch nichts Globales. Und zweitens, dass sie enden wird. Wenn wir uns darin befinden, muss es ein Ende geben. Bitte spätestens, wenn die letzte Rolle Klopapier alle ist. Der Mann mit der Macke läuft dann allerdings noch herum, ausgestattet mit dem Wissen, wo wir unsere Schwachstellen haben, wie er gezielt manipulieren kann. Wenn wir also jetzt nicht hinsehen, wird uns der Typ mehr kosten als sieben Millionen Kurzarbeiter.

Doch zurück zum sprachlichen Ausdruck: Wir befinden uns nicht in einer Krise, sondern in einem massiven Umbruch. Er wird das soziale Leben und unsere Sichtweisen allumfassend ändern. Es ist genauso wie mit den Infizierten, für mich sind sie „Kranke“, die Krise ist eine „Not“ und der Virus ist ein Arsch.

Die dritte Märzwoche bricht an. Ich bekomme eine Auftragsabsage nach der anderen. Die Einrichtungen, in denen ich mit den dauerhaft Eingesperrten arbeite, machen komplett dicht. Auch die Schulen mit den temporär Inhaftierten. Eltern müssen ihre Bälger nun zuhause lassen, schaffen sie zu ihren Müttern und machen die zur Corona-Oma. Die Läden räumen ihren Schund aus den Speichern; auf den Straßen gehen sich alle aus dem Weg – eigentlich ist das ganz angenehm. Mein neues Waschbecken ist fertig, der Wollmützenelektriker muss mir die Steckdosen wieder anklemmen. Doch er kommt nicht mehr. Er hat jetzt Zeitprobleme. Vielleicht mit einer Frau, sie heißt bestimmt Peggy.

 

III

Keine Zeit für Nettigkeiten

 

Der letzte Tag Baummarkt, bevor er schließt. Die Einrichtungshäuser sind bereits dicht. Aber die Menschen bekommen noch etwas zum Basteln für die „Krisenzeit“. Ich stehe artig in der Schlange. Denn neben unserem Waschbecken, muss ich ein komplettes Bad einrichten. Nicht, dass mir langweilig wäre. Ich habe das seit drei Monaten geplant. Nur eben nicht allein, eigentlich sollen das Fachleute stemmen. Die aber haben keine Lust mehr. Also helfen YouTube und eine Menge Selbstvertrauen. Ich kann das alles eigentlich nicht, Klempnern und Verputzen. Aber ich entdecke Seiten an mir, die Mut machen. Jetzt schiebe ich mich mit Armaturen, Zangen und Silikon unter den Armen an die Kasse und warte mit zwei Meter Abstand.

In vier Wochen habe ich eigentlich eine Buchlesung. „froschgräten II – Ab jetzt übernimmt der Mann“. Die neue Leseshow, die nach „Urlaubsgrüße aus Neuseeland“ 2015 wieder eine Kabarettnummer wird. Es sollte die Premiere sein, in einem liebenswürdigen Hof am Thüringer Meer. Aber auch diese Veranstaltung ist abgesagt. Und ich bleibe rundum zuhause. Nicht, dass mir das etwas ausmachen würde. Zeit zum Schreiben ist immer gut. Doch meine Hauszierde in ihrem systemrelevanten Beruf ist unterwegs. Ich habe also nicht nur die Installation des Bades an der Backe, sondern auch Haustier, Wäsche, Abwasch, Einkauf... Leichte Panik entsteht, da ich neben der Buchpremiere meine Forschung am TextTäter-Programm weiter nach hinten schieben muss, meinen Roman und mein Studium. Das Herrichten der Wohnung wird nun geradezu existentiell. Ein Heizkörper läuft aus, dafür gibt es überall wieder Strom, Hurra!

Die Typen, die vor mir an der Kasse stehen, tragen Rindenmulch und Lackfarben für ihre Kleingärten. Ich wette, die haben ein Badezimmer. Eine ältere Kassiererin drängelt sich an mir vorbei, um die andere abzulösen, streift mich, niest und guckt entsetzt, als ich sie anschreie: „Und Sie haben es nicht so mit Abstand oder was?!“ Sie bleibt stehen und fragt: „Was?“ Ich erhebe eine Zange: „Geh weiter! Sofort!“ Der Sicherheitsdienst guckt mich an, bringt sich in Stellung, überlegt und guckt wieder weg. Keiner sagt etwas. Jeder weiß, ich bin hier gerade der blöde Penner, doch ich habe Recht, die Zeit für Höflichkeiten ist vorbei. Die Menschen müssen anfangen, ihren Kopf einzuschalten. Kann ich eine solche Moralität von einer Baummarkt-Kassieren erwarten: Ich schütze Dich, Du schützt mich! Das Problem ist, dass ich Dich dadurch in deinem Herzen angreife, wenn Du es noch nicht wahrhaben willst…

 

IV

Was heißt hier „Keine Schule“?!

 

Ob ich meinen Unterricht via Skype veranstalten könnte, fragt mich der Direktor einer Schule für Schulverweigerer. Klar, das geht. Und alles ist besser, als sich in Parkhäusern, in Kellern oder engen Kinderzimmern rumzudrücken, sich gegenseitig Rauchwaren in den Mund zu stecken, oder bis ins Koma zu zocken.

Es ist die letzte Märzwoche. Ich putze unser neues Bad und entferne Silikonreste. Klopapier habe ich keins. Während Virologen auf die Arche Corona laden und heimlich die Macht an sich reißen, rupfen die Menschen Klopapier-Lieferungen von Paletten. Es ist okay, denn es vermittelt ihnen Kontrolle, steht unbewusst für ein Ausscheiden des Übels, für das Reinigen und eine Selbstbehandlung. Freud hätte seine Freude mit den Hamstern. Ich stehle Rollen aus einer Tankstelle.

Ekeliger wird es nur in der Bildung. Die Kultusminister konferierten und kamen zu dem Schluss, die Abiturprüfungen durchzuführen. Klar, die Kids sollen sich als erstes infizieren. Ganz vorn dabei: Sachsen, wo es mit das härteste Abitur in Deutschland gibt. Wie bitte sollen Lehrer in dieser Zeit objektiv bewerten, gerade in den Fächern, in denen immer eine emotionale Wertung mitschwingt?! Und was fangen die Schüler dann mit ihrem Corona-Abi an? Es wird sie Zeit ihres Lebens begleiten. Andererseits kann man die Schule nicht einfach ein halbes Jahr nach hinten schieben, dafür ist das System zu rigide. So fangen Lehrer an, ihre Schüler mit Mails zuzubomben, diese, sich und die Eltern zu terrorisieren, weil sie um ihr eigenes Dasein und um den Lehrplan fürchten. So müssen sich Zweitklässler weiterhin mit Frühblühern beschäftigen – und zwar draußen, Neuntklässler gar in Gruppenarbeit ein Herbarium anlegen. Es gibt wenige Lehrer, die den Ernst der Lage erkennen. Die eben nicht den Unfug veranstalten, der in ihren Lehrplänen steht. Deutschlehrer, die genau jetzt Anne Frank abhandeln, Englischlehrer, die den „Herr der Fliegen“ lesen lassen und die „Farm der Tiere“. Von einem auf den anderen Tag wurden wesentliche Grundrechte außer Kraft gesetzt. Die Basis unseres Zusammenlebens. Die Kinder und Jugendlichen, ohnehin von irritierten Erwachsenen umgeben, lernen: Das Recht auf Bewegungs- und Versammlungsfreiheit, das Recht auf Freizügigkeit, das Recht, einen Spielplatz zu nutzen – können über Nacht dahin sein. Unsere Demokratie steht auf dem Prüfstand. Und die Themen, die abgehandelt werden sollten, sind Freiheit, Toleranz, Gleichberechtigung, Freundschaft und Vertrauen. Das Gegenteil also von sozialer Distanz, Isolation, Einsamkeit, Misstrauen und Diktatur. Stattdessen lässt sich die Mehrheit der Lehrer plangenaue Heimaufgaben einfallen und sich auch noch feiern, wenn es ihr gelingt, sie in lustige Rätselspiele, didaktisch brauchbare Kreativaufgaben oder gar in einen Videostream zu verpacken. Wo es letztlich krankt, zeigt sich genau hier und jetzt. Im Machtverhältnis zwischen Kindern, Jugendlichen und den Institutionen. Der soziale Kampf wird in der Schule angelegt. Klopapier war hier ja schon vorher rar.

 

V

Das eigentliche Virus

 

Der letzte Tag im März. Das Virus ist eine Weltverschwörung, gemacht von den Menschen auf der dunklen Seite des Mondes. Da bin ich mir ganz sicher! Es ist designt, Kinder haben keine Probleme damit, nur die Alten und Arbeitsunfähigen sterben. Was bleibt, ist Humankapital, das dem Krieg dient. Eine andere Erklärung kann es nicht geben!

Wenn es so einfach wäre, stellte ich mich zu meinen verwirrten Mitmenschen, denen mit den einfachen Lösungen. In ihrer Verzweiflung und mit dem Wunsch, der Realität zu entfliehen, geben sie die schönsten Erklärungen von sich: „In Ostdeutschland sind so wenige infiziert, weil wir im Osten alle zu DDR-Zeiten gegen TBC geimpft wurden.“ Mein Lieblingssatz: „Wir hatten es schon, schon im Dezember und Januar, da hatten alle in unserer Familie Fieber.“

Nein, das Virus ist die reine Natur, die um sich schlägt. Ich habe keine Ahnung von dem Thema, doch dafür reicht der Bio-Grundkurs. Das Problem an dem Mistvieh ist sein Turbo, den es einlegt, weil noch niemand bisher mit ihm Bekanntschaft gemacht hat. Und es ist ein globales Unglück und weder gesteuert von irgendeiner Elite noch eine Biowaffe. Ich sehe es aber auf zwei Ebenen arbeiten:

Auf der ersten Ebene haben wir dieses kleine SARS-Teilchen, es führt zu Lungen- und Nierenschäden, Fieber und Atemnot und es überträgt sich hauptsächlich durch die Luft.

Auf der zweiten Ebene wird das Virus in unseren Köpfen tätig. Es sorgt dafür, dass die soziale Kälte, die wir ohnehin in Deutschland spüren, rasant zunimmt. „Social distancing“ ist eine weitere Schöpfung, die mir sehr missfällt. Nicht nur weil sie völlig falsch gebraucht wird und obendrein englisch ist. Auch, weil die Baummarkt-Kassiererin, mein Elektriker und die Menschen, die mir beim Einkaufen an den Klopapierregalen begegnen, sich schwertun, die physische Distanzierung als Akt der Liebe zu verstehen. Es ist ein Normensystem, das nicht in ihnen angelegt ist, wofür sie nichts können. Es sind absolut liebe Menschen. Das Virus aber lässt uns auseinanderleben, treibt einen Keil zwischen uns, auf der Straße, an den Kassen, in den Straßenbahnen und Rathäusern. In einem Land, in dem Verbotsschilder die meistgebrauchten Hinweisschilder sind, wirkt es wie ein Katalysator für Egomanie und soziale Spaltung. Alte, die in ihren Wohnungen nur noch mit dem Fernseher reden, Junkies, denen das letzte Heroin genommen wird, Harz IV–Gepeinigte, die nun zu ihrem Wenigen auch noch die Einsamkeit haben: Sie alle spüren, dass ihnen das Virus die Begegnungen nimmt, das gesellschaftliche Leben, das letzte bisschen Hoffnung. Das Dasein in den Blöcken, auf den Hinterhöfen, in den Sozialeinrichtungen kommt ebenso zum Stehen wie die Fernsehunterhaltung. Die Bundeskanzlerin ruft zum Skypen auf, doch der Enkel kann nicht zur Oma, um ihr zu erklären wie das geht. Stattdessen setzen sich Gottschalk, Jauch und Pocher auf RTL und verkünden, dass alles noch schlechter wird. Die Menschen, die auf echte Kontakte angewiesen sind, auf ein liebes Wort, eine Berührung an der Schulter nur, werden von diesem Virus härter getroffen als jeder Wirtschaftsprofessor. Und davon wiederum habe ich eine Ahnung: Dissoziale Handlungen verlagern sich bereits seit Beginn der Kontaktsperren in bisher unbekannte Grauzonen. Während die Polizei Einsätze in den Wohnungen fahren muss, weil sich die Leute Bratpfannen auf die Schädel hauen und das Bier alle ist, muss der Dieb ja auch von etwas leben. Kitas, Schulen und Firmen stehen leer … woher soll die Kohle sonst kommen? Die Drogenströme sind unterbrochen, also muss selbst angebaut und gekocht werden. Prostitution findet in fix hergerichteten Wohnungen statt. Und wer dieser Tage den guten alten Enkeltrick auspackt, hat noch bessere Chancen als je zuvor. Soziale Distanzierung als Stichwort ist der eigentliche Infekt. Und er trifft uns nicht erst jetzt.

Das Virus wurde schon lange in unserer Gesellschaft angelegt, mindestens schon vor dreißig Jahren. Die beiden Jungen auf dem Stadtfest fragen den alten Mann, ob sie für umsonst an dem quietschgelben Rad drehen können. Warum eigentlich nicht?! Nur mal so, zum Spaß. Sie wollen nichts dafür haben, nur sehen, wo das Rad stehenbleibt, wie es um ihr Glück bestellt ist. Der Mann könnte sie machen lassen und sich dann mit ihnen freuen, wenn sie Glück haben, auch, wenn sie eine Niete drehen. Er könnte einen schönen Tag wünschen und vielleicht noch empfehlen, mit den Eltern oder mit 50 Cent wiederzukommen. Doch der Mann tut es nicht. Er sagt nein. Denn er hat schon lange auf diesem Stuhl gesessen. Schon damals, mit seiner Frau, als sie noch lebte. Hat das Rad mit eigenen Händen gebaut – um Kindern auf dem Jahrmarkt eine Freude zu machen. Es gab damals nicht viel zu erdrehen. Schnatterinchen und Spejbl und HurvÍnek waren die Hauptgewinne, für die Erwachsenen Rotkäppchen-Sekt. Es ist sein Leben, dieses quietschgelbe Rad. Dann kam die Wende und das Spielzeug musste blinken und leuchten und Faxen machen. Wenig später ging seine Frau und er räumte den zweiten Plastikstuhl weg und setzte sich allein neben das Rad. Musste ab sofort Standgebühren zahlen, hoffen, dass jemand am Rad drehen möchte, weil plötzlich ultraschnelle Fahrgeschäfte neben ihm standen, mit krachender Musik und betrunkenen Jugendlichen. Nein, er will diese beiden Jungen nicht anschreien. Er kann nicht anders. Denn er hat nur dieses Rad und den Plastikstuhl. Jetzt hat er nicht mal mehr das.

01. April 2020