IDA – Liebe gegen Lügen

Ronny Ritze

Hörspiel 

© 2018 by Wendepunkt e.V. Wolfersdorf

 

Buch: Ronny Ritze, nach den Charakteren und Dialogen der Kinder von Wolfersdorf e.V.

Dramaturgie: Caroline Blumert

Musik und Audioproduktion: Kay Nehrkorn, Cambra productions Gera

Spieldauer: 29 Minuten

Geeignet ab 12 Jahren

 

In den Rollen

 

Ida………………………………………………………………………………………………………Lisa

Pepe……………………………………………………………………………………………………Kevin

Julia…………………………………………………………………………………………………….Lea

Polizistin Schuchardt ………………………………………………………………………….Samantha

Barkeeper…………………………………………………………………………………………...Alex

Erzählerin……………………………………………………………………………………………Monika Pöschmann

Auf einer Goa-Party wird Ida von ihrem besten Freund Pepe auf einen Joint eingeladen. Am nächsten Morgen erwacht das Mädchen ohne Erinnerung. Außerdem hat sie den Verdacht, etwas gegen ihren Willen getan zu haben. Auch Pepe hat keine Erinnerungen mehr und ist sich keiner Schuld bewusst. Die Suche nach Antworten beginnt.

IDA ist das Resultat einer Schreibwerkstatt mit Ronny Ritze. Thematisiert wird die Suche nach Liebe unter Jugendlichen abseits von Konventionen und schicker Neo-Nerdgesellschaft. Die Protagonisten decken sich mit der verlorenen Youtube-Generation, gehören ihr an als passive Nutzer und wünschen sich Nähe mehr als Erfolg oder Geld. Drogen werden mal persifliert, mal werden sie angeprangert und für alles Unheil verantwortlich gemacht. Ihre jungen Sprecher wissen, wovon sie sich spielend losreißen, hat doch jeder eine krasse Geschichte und mit mehr Authentizität lässt sich das Thema nicht verhandeln.

 

Ronny Ritze, der sich gern mit randständigen Figuren ablichten lässt, beweist hier sein Herz für Jugendliche außer Rand und Band und erhebt den Zeigefinger gegenüber Drogen.

 

Caroline Blumert war eine Zeit lang in Südamerika, will nun zu ihren Wurzeln finden und zurück ans Theater. An der Schotte Erfurt, berühmt für Jugendinszenierungen, durfte sie sich ausleben, und ihre Schützlinge profitieren von der Experimentierfreudigkeit.

FBK Thüringen

Tagebuch

Update

 

06.11. 2018

 

Die Werkstatt nach Babelsberg. Ich habe das Buch „IDA“ fertig und gerade ausgedruckt und mitgebracht. Es sind alle da. Max macht sogar beim ersten Teil der Werkstatt mit. Die Zeit, in der wir aus dem Buch vorlesen. Sie lauschen gespannt. Selten herrschten während einer Werkstatt so viel Ruhe und Konzentration. Sie freuen sich, über die Reflexion, über die Stellen, in denen sie auftauchen und sich wiedererkennen. Denn sie haben alle ein Pseudonym von mir bekommen und müssen also raten, wer sie sind. Und sie freuen sich über das Personal, das in IDA mitspielt. Der Text hat genau die richtige Länge – für ihre und meine Aufmerksamkeitsspanne – und er scheint auch einen Nerv zu treffen. Als wir beim Text über den 19.06. ankommen, erkläre ich dazu: Bei dieser Textstelle ging es ursprünglich darum, dass ich rauche und Leila und Leonie mir hinterherrennen, um mir die Zigaretten wegzunehmen. Dass ich mutmaßte, dass sie wahrscheinlich keinen anderen Weg fänden, mir zu zeigen, dass sie mich mögen. Diese Passage habe ich aus dem Original gestrichen. Da hakt Kenny ein und will wissen, warum wir das nicht schreiben könnten. Ich erkläre: Weil schon ziemlich oft eine Stelle vorkomme, in der es um Rauchen geht, und die Gesellschaft draußen das nicht verstehen würde. Alles ist still bei diesen Worten. Wie jetzt?!

Na, viele draußen würden denken, sage ich, dass hier alles super liefe, keine Drogen oder Zigaretten verfügbar wären. Dass ab und an jemand in die KJP wandert, dass ihr euch täglich stresst, jeder mal mit jedem zusammen ist, das wissen die Leute draußen nicht. „Wahrscheinlich denken alle, wir sind hier eingesperrt“, sagt einer. Ein anderer sagt: „Sind wir ja auch.“

Ich bitte diejenigen sich zu melden, die glauben, sie seien schuld, dass sie hier sind.

Über die Hälfte!

Sunny erklärt: dass sie schuld sei, klar, denn sie sei böse zuhause gewesen. Ich bitte sie, zu bedenken, dass wir ihretwegen das Wort „Missbrauch“ im Stück umgehen. Sie sagt „Danke“ und schmiegt sich an Bastian. Der anwesende Erzieher klärt auf, dass keiner von ihnen daran schuld sei, hier zu sein, und dass sie über alles reden könnten.

Wir beginnen mit der Aufnahme. Max setzt sich komplett ab, muss Arbeitsstunden ableisten, sagen die anderen.

Die Männerrunde funktioniert wieder mal besser. Fabian fragt: „Was ist eigentlich eine Vergewaltigung?“ Ich erkläre es ihm.

Am Ende haben wir eine neue Szene im Kasten. Der Tag hat gezeigt, dass sie mit dem Text mitgehen und ihn gut finden. Und sie wollen, dass es in der Öffentlichkeit so dargestellt wird, wie es hier im Heim wirklich ist. Obschon oder weil sie häufig glauben, selbst schuld zu sein, dass ihnen Liebe entzogen wird.

 

04.12. 2018

 

Max ist weg. Endgültig. Hätte wohl noch mehr Scheiße gebaut. Wer weiß, was aus ihm wird. Seine Gier, erwachsen zu werden, lässt ihn gegen eine Wand fahren. Da bin ich mir seit Beginn der Werkstatt sicher: Er hat nur zwei Möglichkeiten. Und im Gegensatz zu seinen Erziehern sehe ich nur diese beiden Möglichkeiten. Entweder entschleunigt er und baut mehr Leben in sein Leben, anstatt Joints in der Gasse zu bauen. Oder er zählt zu denen, die zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr zwischen sechs und neun Jahre in Haft verbracht haben. Er giert nach allem, was er haben kann, um erwachsen zu werden, nutzt alles und jeden für seine Vorteile, und er wird gegen einen harten Beton krachen.

Ich bin zu spät. Es sitzen noch mehr Kinder da als sonst. Ich habe leider keine Zeit, mich mit ihnen zu beschäftigen. Das Hörspiel muss aufgenommen werden. Am Morgen bin ich deshalb nach Chemnitz gefahren, ein Aufnahmegerät holen, dann nach Gera, um Kay, den Produzenten, abzuholen. Jetzt stehe ich hier, kämpfe mit der Technik. Wir nehmen vor allem die letzte Szene auf. Sie kennen den Schluss, haben ihn aber noch nie gesprochen. Wie auch? Er entstand ja erst. Heute ist der vorletzte Aufnahmetag. Für Kay ist das gruselig. Was heute nicht im Kasten ist, ist dann vielleicht für immer verloren. Ich gebe mein Bestes, gebe Anweisungen und Energie, hole sie ab, bringe sie in die Szene und trinke dabei Kaffee. Sie schauen mich groß an. Ich mache das nicht wie Caro! Ich lasse sie wiederholen, gehe ihnen auf den Sack, drängele und fordere. Am Ende sind alle fertig mit der Welt. Am Arsch.

Ein Problem: Sunny hat ihr Handy von Pöschi nicht bekommen und mag deshalb heute nicht mitmachen. Ich betone, dass sie ja den ganz langen Part als Polizistin hat und dass wir sie unbedingt brauchen. Danach ist sie so aufgeregt, dass man gar nichts mehr mit ihr anfangen kann. Ich erkläre ruhig: ich komme morgen wieder.

 

05.12. 2018

 

Ich bin wieder zu spät. Kenny wartet schon. Er spricht seinen Teil tapfer ein zweites Mal ein. Ein neues Problem ergibt sich, da Laura 1.) unbedingt zu einem Arbeitseinsatz muss (Ich treffe sie vorm Haus in Arbeitskleidung an, sie sagt, sie will arbeiten, damit sie am Wochenende nach Hause kann) und 2.) gerade nicht mit Sunny kann. Also nehmen wir zuerst Laura auf und doubeln die Polizistin. Anschließend machen wir es andersherum, nehmen Sunny auf und doubeln Laura. Der arme Kay wird es zurechtschneiden.

Irgendwann taucht Leonie auf: Sie habe ihren Text letzte Nacht geübt. Sehr schön! Wir sprechen also ihren Part noch einmal ein. Auch dies muss Kay später zusammenscheiden.

Weil es so gut läuft soll auch Kenny noch mal ran. Der hat keinen Bock mehr. Auch die Erklärung, dass die Aufnahme ewig bleibt, dass das Ergebnis ihn noch lange begleiten wird, im Gegensatz zu allen anderen schulischen Sachen, schlägt er mit der Feststellung in den Wind, er habe heute schon sechs Stunden Schule gehabt, das würde ihm reichen. „Klar“, höre ich mich später auf einer Aufnahme zu ihm sagen, „du wirst heute Abend ins Bett fallen, das verspreche ich dir.“ Er nörgelt hinter dem Mikrofon: „Alter, das ist Hammertext!“ Dann probiert er es doch noch mal. Ich denke, für ihn ist es die Herausforderung, Pepe einzusprechen. Er kann es. Aber hat ihn jemals jemand herausgefordert?

 

17.12. 2018

 

Das war es also. Die letzte Lesung, die letzte Zusammenkunft. Kurz, schmerzlos.

Es hat allen gefallen. Am Ende steht Alexandra Junge, die Bibliotheksleiterin von Neustadt, ungläubig im Raum, während alle zusammenpacken. Was? Sie dachte, dies sei das letzte Mal, dass wir uns alle sehen würden, sagt sie.

Ja, das ist es auch.

Ach! Irgendwie hätte sie aber gerade das Gefühl, dass dies nicht das letzte Mal ist, so wie wir das machen!

Bei ihr, in dieser Bibliothek, habe ich die meisten von ihnen kennengelernt. Hier endet es also. Mit einer Lesung, und jetzt mit Abschied ohne Tamtam.

Tja, diese Kinder und Jugendlichen sind es entweder so gewohnt. Ein schneller und schmerzloser Abschied ist nicht selten. Ständig kommen und gehen welche, Freunde gibt es, aber manche bleiben nur kurz.

Oder sie realisieren noch nicht, dass es das war…

Ein knappes Jahr liegt jetzt hinter uns. Sie sind mir ans Herz gewachsen. Ich glaube nicht, dass ich sie so schnell vergesse.

Wir präsentierten unser Ergebnis vor anderen Schülern. Zwei Klassen einer Regelschule sind gekommen. Sie kennen die Wolfersdorfer nicht, die Wolfersdorfer kennen sie nicht. Zuerst versuche ich zu erklären, was ich beruflich mache, was ich speziell mit ihnen gemacht habe, den Kindern aus dem Jugendheim. Dann lese ich ein paar Auszüge aus IDA vor. Die Schüler gucken interessiert und ernst. Ich denke mir: Ziel erreicht. Die Regelschüler haben kaum Kontakt mit selbstverletzendem Verhalten. Jetzt hören sie, wie die Heimkinder ticken. Die Heimkinder wiederum gucken zu, wie die Regelschüler reagieren während sie das hören.

Dann beginne ich mit einem Aufklärungsvortrag über Drogen. Und ich hole weit aus, gerade weil ich vor drei Tagen neues Bildmaterial zu Crystal Meth zugespielt bekommen habe, macht das Spaß. Alle sind bei der Stange. Doch es fällt auf, dass Legolas, der mir vor der Veranstaltung ein Cover zugesteckt hat (das gut gelungen ist und das Cover für das Hörspiel werden soll), dass er aufstehen und ein paar Minuten gehen muss. Legolas, der Junge, der sich am besten auskennt, weiß, was Codein ist und was Pilze machen. Alles schauen ihm zu. Er steht auf, kommt zurück und lässt eine Flasche fallen. Ich hoffe, die Schüler stempeln die Wolfersdorfer nicht ab, gerade, weil nun Unruhe entsteht. Leila will rauchen, sie meckert. Was keiner weiß: Legolas nimmt das Thema extrem mit, denn seine Vergangenheit kommt hoch. Deshalb musste er aufstehen und den Raum verlassen.

Ich rede mir den Mund fusselig, über LSD, Gras und Alk. Zum Schluss spreche ich natürlich ausführlich über K.o.-Tropfen, darum geht es schließlich in unserem Hörspiel. Die Zeit vergeht. Als ich zum Ende komme und das Hörspiel starten will, sind eineinhalb Stunden rum. Die meisten eigeladenen Schüler stehen auf und müssen zum Bus. Wir sind auf dem Dorf, das habe ich vergessen. Es ist aber gut so. So bleiben eine Handvoll Schüler und meine Wolfersdorfer. Sie geben sich die erste Viertelstunde des Hörspiels. Natürlich nicht ohne rot zu werden, zu lachen und sich in ihre Armbeugen zu verkriechen.

Die übriggebliebenen Schüler bedanken sich und geben mir die Hand. Die Wolfersdorfer nehmen zum Abschied Schlüsselbänder, Notizbücher und natürlich ihr Buch mit. Fabian weiß nicht, ob er mich umarmen soll, Sunny tut es, André lacht. Bastian und Leonie, Leila und Legolas verabschieden sich wie immer, als wäre nächste Woche einfach wieder eine Schreibwerkstatt mit Lollis und Kuchen.

Ist sie aber nicht.

Nächste Woche ist Weihnachten und ein Dutzend dieser Kinder ist Weihnachten nicht irgendwo, sie sind in diesem Heim. Erzieher sind da, der Wald umschließt das Gelände.

Es soll nicht regnen, das ist gut, aber auch nicht schneien. Es soll unbestimmtes Wetter werden. Davon kann man sogar ausgehen.

Danke für die vielen tollen Erfahrungen. Ich wünsche euch alles Glück der Welt,

laute

Partys

und ein stilles

Herz

 

Euer Freund

Ronny

 

 

Die ersten Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahresprojekt „Kultur macht strakt“ mit Kindern und Jugendlichen des Wendepunkt e.V. Wolfersdorf  sind erschienen im Mitteldeutschen Verlag: "IDA, Liebe gegen Lügen" 2018