Alte Herren auf Slam-Bühnen

am Beispiel Volker Strübing

Er bespielt und organisiert seit den 90-ern Berliner Lesebühnen, ist einer der erfolgreichsten Slam Poeten, darüber hinaus Trickfilmer (Kloß und Spinne). Und er kommt in die Jahre und fordert: „Mehr Geld für alte Herren auf Slam-Bühnen!“ In Thüringen ist er auch manchmal, dann sagt er so was….

 

 

Wenn man sich entscheiden müsste: Thüringen oder Berlin?

 

Ich wohne seit ich sieben war in Berlin und bis jetzt habe ich es da noch nicht rausgeschafft, also werde ich wahrscheinlich da hängenbleiben.

 

 Wahrscheinlich?

 

Hier ist es natürlich auch sehr sehr, sehr sehr sehr sehr schön, aber ich glaube, es wäre eher was für den Urlaub, ich bin ein Stadtmensch.

 

Auch im Alter?

 

Es ist nicht mehr lange bis dahin.

 

Also eher Berlin als Thüringen. Und: Tee oder Kaffee?

 

Kaffee.

 

Voland und Quist oder Random House?

 

Ich würde am liebsten zweigleisig fahren. Jetzt bin ich erst mal bei Voland und Quist. Aber wenn Random House ganz lieb fragt, könnte man vielleicht auch mal mit ihnen ein Buch machen. Oder sie kaufen eine Lizenz von Voland und Quist

 

Die Texte, die man für die Bühne schreibt, sind zum Vorlesen gedacht. Ist es sinnvoll, die noch zu drucken?

 

Es gibt sehr viele Texte, die gedruckt überhaupt nicht funktionieren und rein für den mündlichen Vortrag da sind. In der Regel schreibe ich Kurzgeschichten, die auch gelesen gut funktionieren. Es ist von Text zu Text unterschiedlich. Bei Voland und Quist zum Beispiel gibt es auch Bücher von Lesebühnen- und Poetry Slam – Autoren, bei denen hinten eine CD drin steckt, womit man das ganze nachhören kann.

 

Was liest du?

 

Ich selbst lese nur Romane. Ich hab jetzt gerade von Juli Zeh „Unterleuten“ gelesen und bin superbegeistert: eines der besten Bücher der letzten Zeit. Jetzt lese ich gerade „Unschuld“ von Jonathan Franzen: das ist schlecht.

 

Gruß an Juli Zeh. Es ist ja auch ein Klopfer mit 400 Seiten oder so…

 

600 oder so, aber das finde ich prima.

 

Gibt es andere literarische Vorbilder, die dich geprägt haben?

 

Nicht in der Art, dass ich mir vornahm, mal so zu schreiben wie die.

 

Wo siehst du dich in zehn Jahren?

 

Auftreten und Geschichten erzählen vor Publikum, macht solchen Spaß, dass ich hoffe das noch zu machen. Der Schwerpunkt wird sich verschieben, sodass ich mehr zuhause sitze und Ruhe finde, um vielleicht einen zweiten Roman zu schreiben. Vorlesen werde ich weiterhin.

 

Wie viel Schriftsteller steckt im Slammer? Kann man eigentlich eine Altersgrenze festmachen, sodass man lieber empfiehlt, ab 30 für eine Lesebühne zu schreiben? Und wie viel Schriftsteller muss man denn eigentlich den jungen Leuten zeigen, Workshops et cetera, bevor sie auf die Bühne gehen?

 

Das waren jetzt sehr viele Fragen auf einmal, ich versuche, die mal durcheinander zu beantworten. Natürlich sind bei Poetry Slams die meisten Autoren jung. Als wir 1996 angefangen haben … (sinnend) …Lesebühnen in Berlin zu veranstalten, da war ich auch erst 25. … Was waren die anderen Fragen noch mal? Ach ja, wie viel Schriftsteller steckt drin… Was ist ein Schriftsteller? Ist man Schriftsteller, sobald man etwas geschrieben hat, oder ist man zunächst nur Autor, bis man zum Schriftsteller erhoben wird und ist das dann etwas Besonderes?  Auch ich wusste nicht, ob ich mich als Schriftsteller bezeichnen darf. Andreas Eschbach hat es gut auf den Punkt gebracht: Schriftsteller ist man, sobald man unter seinen ersten Roman das Wort „Ende“ geschrieben hat. Das habe ich vor zehn Jahren geschafft, somit bin ich es wohl, nenne mich aber am liebsten Geschichtenerzähler.

 

Zurück zum jungen Publikum. Vor allem die es auch mal ausprobieren wollen, mit Slam vielleicht anfangen möchten. Was empfiehlst du jenen, hast du Tipps?

 

Na eigentlich nur: Ran da. Probiere es. Einige machen einen Workshop mit, bevor sie das erste Mal auf eine Bühne gehen. Andere, bei mir war es auch so, besuchen einen Poetry Slam oder eine Lesebühne und denken sich, sie probieren es aus und tun es dann auch und merken, ob es was für sie ist oder nicht. Das Gute daran ist, dass es relativ einfach möglich ist, es zu testen. Und wer diesen Stich spürt, der sollte es unbedingt machen. Ob daraus eine große Schriftstellerlaufbahn wird oder es Hobby bleibt oder ein Test, ist ja egal.

 

Und wenn man angefixt ist, geht man auf Reisen und stellt sich dem Kampf. Ist es denn mehr Wettbewerb oder steht mehr die Freundschaft und die Aktion im Vordergrund?

 

Also meine Lieblingsantwort ist: Nein, es steht die Freundschaft und das Miteinander-Auftreten im Vordergrund. Aber natürlich gibt es eine gewisse Konkurrenz, die sich weniger darauf bezieht, wer den jeweiligen Slam gewinnt – dieses spielt bei den großen Meisterschaften eine Rolle. Es geht darum: Wer wird wohin eingeladen, reist durch die Welt und wer bleibt bloß bei seinem kleinen Lokal-Slam? Ich habe leider ein bisschen den Eindruck, dass es verbissener geworden ist.

 

Woran liegt das?

 

Vielleicht einfach, weil viele junge Slammer gesehen haben, was möglich ist. Dass man mit Slam anfangen kann und wenn man erfolgreich ist, ziemlich schnell überall hin eingeladen wird, durch die Republik reist und Gleichgesinnte trifft…

 

… wie Volker Strübing.

 

Es macht ja auch einen irrsinnigen Spaß. Vielleicht ist es aber der Zeitgeist. Dass Erfolg höher bewertet wird. Vielleicht ist es auch bloß meine grantige Alt-Herren-Sicht und in Wirklichkeit hat sich gar nichts geändert.

 

Ist es vielleicht ein Stück Wettbewerb, der ausufert? Denn irgendwann hat man einen Brotberuf und dann ist es vorteilhaft, wenn man mal auf der Bühne stand, ein Mikrofon in der Hand hatte, kommt man leicht in eine untere Manager-Ebene… weil man mehr Durchsetzungsvermögen hat. Und stellt sich da nicht die Frage: Fördert Slam nicht auch den gesellschaftlichen Wettbewerb?

 

Ich habe keine eindeutige Antwort, kenne diesen Kritikpunkt. Einige Kritiker behaupten, Slam bereite die Teilnehmer darauf vor, später erfolgreiche Präsentationen abzuliefern und sich im Beruf durchzusetzen.

 

(hebt die Faust) Geh! Mach doch mal was anderes, ja.

 

Ja, genau. Aber ich glaube, das stimmt nicht ganz. Schon allein, weil einige Slams von der Form her auch sehr zurückgenommen, ruhig, ernsthaft sind und nicht unbedingt bei einem Pitch in der Werbeagentur helfen. Aber ganz von der Hand weisen lässt es sich auch nicht. Als wir angefangen haben, war die Vorstellung, davon leben zu können, in absolut weiter Ferne. Die Veranstaltung hat zwei Mark Eintritt gekostet. Man ist mit zehn Mark Gewinn nach Hause gegangen, hatte den ganzen Abend Freibier. In den Neunziger gab es noch eine größere Bereitschaft, sein Leben und alle Karriereoptionen wegzuschmeißen. Während man heute den Eindruck hat, dass einige gleich nach ihrem ersten Slam-Sieg den Businessplan für ihre Poetenkarriere ausarbeiten und ein Soloprogramm schreiben. Manche studieren allerdings auch ganz ernsthaft: Da ist dieser große Slam, zu dem ich gerne gehen würde, leider habe ich am nächsten Tag Seminar, also gehe ich nicht oder gehe sofort nach Hause, ohne einen Schluck von der Whiskeyflasche zu nehmen. Das gibt es zum Glück auch.

 

Sitzt man dann besser in einem Germanistik-Seminar, oder lieber was Bodenständiges wie BWL?

 

Slammer studieren alles Mögliche. Germanistik. Sozialpädagogik. Jura. Medizin. Aber nicht alle studieren.

 

Und wieder zur Altersgrenze: Wie alt ist man beim Slammen?

 

Es gibt sehr viele junge Slammer, weil die U20-Szene massiv gefördert wird und es an jeder zweiten Schule Slam-Workshops gibt und dort viele die Kunst entdecken und ausprobieren. (energisch) Es wird Zeit, dass die Ü40 – Szene genauso gefördert wird: Mit allen Meisterschaften und mehr Workshops für uns. Und vor allem mit viel Geld vom Bildungsministerium. Denn es gibt auch Slammer, die noch älter sind als ich.

Doch das Publikum ist natürlich jung. Und man sollte aufhören, wenn man merkt, dass Menschen zuhören, denen man nichts mehr erzählen kann oder die man nicht erreicht. Solange sie mir aber noch gerne zuhören, bleibe ich dabei. Und wenn nicht, suche ich mir ein älteres Publikum.

 

Letzte Frage: Wenn es dir hier so gut gefällt, kommst du noch mal zurück nach Thüringen?

 

Du meinst, ob ich hier noch mal herziehe?! Also, pfffff das is nich geplant…

 

Sag einfach ja, das Thüringer Publikum wird dich lieben.

 

Öhm. Äh, liebes Thüringer Publikum, ich kann nichts versprechen. Aber ich komm immer mal vorbei, auf jeden Fall.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

Aufzeichnung: Sarah Klare