Erfurts Kabarettszene bei Nacht


Ulf Annel (Jahrgang 1955) ist Journalist und steht seit über 30 Jahren auf der Bühne und macht Kabarett (ohne Ausziehen). Nach der Vorstellung sitzt er in seiner kleinen feinen "Arche", verteilt seine Bücher und trinkt Wein. Foto: Olaf Trunschke
Ulf Annel (Jahrgang 1955) ist Journalist und steht seit über 30 Jahren auf der Bühne und macht Kabarett (ohne Ausziehen). Nach der Vorstellung sitzt er in seiner kleinen feinen "Arche", verteilt seine Bücher und trinkt Wein. Foto: Olaf Trunschke

Dieses Interview beantwortet nicht die Fragen: Wie viele Rollen er in seinem Leben schon gespielt, wie viele Menschen amüsiert und wie viele Gläser und Abende er gefüllt hat. Dazu hat man gefälligst seine Biografie zu lesen. Die aber noch nicht geschrieben ist. Denn er ist ja erst vierzig, im Herzen wohl siebzehn und auf dem Kopf fünffacher Großvater. Ulf Annel ist ein Urgestein, als Thüringer, Satiriker und Autor. Nach einem Abend in seinem kleinen Kabarett-Theater „Die Arche“ in Erfurt:

 

 Ritze: Herr Annel, bitte setzen Sie sich doch!

 

Annel: Jetzt macht der hier wirklich ein Interview! Ich könnte ihn schlagen…

 

Ritze: …sehr freundlich, vielen Dank. Aber sagen Sie, wie wird man Satiriker?

 

 Annel: Man wird aufgefordert: Das heißt, man bekommt mitgeteilt, dass ein neues Satiremagazin in Erfurt erscheint und dann schreibt man einfach los.

 

Ritze: So einfach, ja?

 

Annel: Der das Magazin zu verantworten hat, entscheidet dann natürlich, ob das Satire ist, oder nicht. Also ob man dabei sein darf oder nicht.

 

Ritze: Also entscheidet der Redakteur?

 

Annel: Du kannst auftreten wo du willst und schreiben was du willst. Die Frage bleibt, ob das das Publikum akzeptiert oder nicht – es also lustig findet, für Kopf und Bauch.

 

Ritze: Und wenn nicht?

 

Annel: Weiter probieren! Es gibt die unterschiedlichsten Spielarten. Manche fangen mit Kabarett an und irgendwann wird es Comedy. Und es gibt Cross-Over-Programme wie bei Carolin Kebekus. Außerdem gibt es natürlich politische Satire, bei der man keine Chance mehr hat, zu lachen. Weil es zu ernst, böse und bärbeißig ist, dass man es sich nicht mehr traut.

 

Ritze: Sehen Sie Parallelen zwischen sich und Volker Pispers?

 

Annel: Jein. Ich habe den schöneren Bart. Aber er hat einen aufklärerischen Gestus und das finde ich gut. Es gibt Zuschauer, die wollen auf der Bühne ausschließlich lustige Figuren sehen, denen passt Pispers natürlich gar nicht. Und dies zeigt auch, wie vollkommen pulverisiert das Publikum heute ist. Man wird kaum noch hundert Leute im Raum finden, die einen Kabarettisten gleichzeitig gut finden. Zu DDR-Zeiten war es so: Wenn da hundert Leute drin saßen, haben alle zur gleichen Zeit über bestimmte Pointen gelacht. Politische Pointen. Und das gibt es nicht mehr. Heute sind die Leute mit dem Herzen und dem Hirn bei verschiedenen politischen Richtungen.

 

Ritze: Das ist doch gut so…

 

Annel: Klar, man kann kein Kabarett mehr machen, das alle Leute vereint. Auf der anderen Seite kann man damit auch selbst bestimmte Meinungen produzieren. Und auch Reibungen im Publikum – und das kann auch sehr schön sein.

 

Ritze: Zum Schluss noch zwei Fragen, um das Gespräch zu beenden: Haben Sie denn…

 

Annel: Sie können ruhig "Du" schreiben, wir kennen uns doch.

 

Ritze: In Ordnung, hast du selbst Vorbilder?

 

Annel: Was ich nicht unbedingt brauche und wozu ich keinen Zugang bekomme: Loriot.

 

Ritze: Papa Ante Portas ist toll…

 

Annel: Das ist ja auch kein Kabarett, sondern eine Komödie. Und es geht ja um Bühnenprogramme. Ich spiele gern im Ensemble. Und ich freu mich, wenn zwei auf der Bühne zu sehen sind. Was mir derzeit gut gefällt im Fernsehen: Die Anstalt, heute-show, extra 3. Und bei den Kollegen muss man die Toten nennen: Dieter Hildebrandt zum Beispiel. Mit dem durfte ich mal auftreten; wir waren auf einer Wellenlänge.

 

Ritze: Moment, wann starb der? Sie sind doch selber erst vierzig …!

 

Annel: Schleimbeutel!

 

Ritze: Zurück zu den Vorbildern!

 

Annel: Na solche Leute wie Pispers sind gut, Tobias Mann, Dieter Nuhr oder Hagen Rether.

 

Ritze: Die sind wie Baldrian, stellenweise.

 

Annel: Das ist aber nicht das Problem. Die Frage ist, ob man eine Chance hat, mitzudenken. Zum Beispiel kannst du einen Kabarett-Abend gut finden, weil du zugeballert worden bist mit Pointen: Ach, was haben wir wieder gelacht. Oder du gehst zu Hagen Rether und sagst: Na das war aber langweilig, doch ich musste nachdenken.

 

Ritze: Meine allerletzte Frage: Wenn jemand Cabaret machen will, welchen Tipp…

 

Annel: Jetzt hat der Cabaret gesagt, soll ich ihm eine in die Fresse haun?! Cabaret ist mit Ausziehen!

 

Ritze: Meinetwegen. Wenn jemand Kabarett machen will, welchen Tipp hast du für denjenigen?

 

Annel: Dass er sich, bevor er anfängt zu schreiben, überlegen soll, wofür er schreibt. Ob er für die Kabarett-Bühne schreibt, die Comedy-Bühne, den Poetry Slam oder für ein Buch. Ein Kabarett-Text für die Bühne wirkt in einem Buch meistens nicht. Und umgedreht funktionieren Satiren, die für Bücher geschrieben wurden, meist nicht auf der Bühne. Außerdem muss man daran denken, dass man für bestimmte Publikums-Segmente schreibt: Im Kabarett werden mehr Menschen jenseits der Vierzig angesprochen, in der Comedy sind vorrangig Zwanzig- bis Vierzigjährige, beim Slam ist es sehr jugendliches Publikum. Und für deren Erfahrungsbereich muss man schreiben.

 

Ritze: Ich bedanke mich vielmals für das Interview.