Thomas Galli (44) war über 15 Jahre im Strafvollzug von Bayern und Sachsen tätig, zuletzt als Leiter zweier Justizvollzugsanstalten. 2016 veröffentlichte er das Buch „Die Schwere der Schuld“, mit welchem er erzählerisch auf Missstände im Strafsystem aufmerksam macht. Besonderes Interesse haben die Medien an der Aussage, 95 Prozent aller Gefangen würde er sofort freilassen und stattdessen alternative, ambulante Sanktionen einsetzen. Der Strafvollzug in seiner jetzigen Form ist für Galli ein Auslaufmodell. Er hält Lese- und Vortragsveranstaltungen ab und arbeitet seit 2016 als Anwalt unter anderem für Strafrecht.

 

 

 

Ein Auszug aus dem Interview in TextTäter I

 

 

Herr Galli, Müssen wir unsere angehenden Sozialpädagogen und Sozialarbeiter in dem Thema „Was können wir mit Strafen erreichen?“ noch mehr schulen?

 

 

 

Die wissen meistens schon genau, dass man mit Strafen weniger erreicht als mit positiver Bestätigung. Die Pädagogen sind da meist schon viel weiter, weiter zumindest als die Juristen.

 

 

 

Was raten wir ihnen?

 

 

 

Sie müssen das System Gefängnis wie eine riesengroße gestörte Person betrachten, die eine massive Selbstwertproblematik hat, paranoid und zwanghaft ist und ein Stück weit sadomasochistisch. Sie müssen dieser Person mmer das Gefühl geben, dass sie Recht hat. Mit vernünftigen Argumenten kommt man bei ihr nicht weit – auch nicht mit juristischen.

 

 

 

Ist denn im neurotischen System Resozialisierung möglich?

 

 

 

Möglich schon, aber nur in Einzelfällen, nicht, was die Mehrheit der Inhaftierten angeht. Und möglich ist es auch oft trotz der Strukturen im Gefängnis. Auch die kreativtherapeutischen Angebote, wie die Schreibwerkstätten: Sie sind sinnvoll, solange sie von anderen Strukturen im Gefängnis unterstützt werden. Viele Leute tun so, als müsste man die Menschen einsperren, um solche Angebote wirksam umzusetzen. Oder was ist Ihre Meinung: Wäre es in einem anderen Kontext erfolgreicher, solche Maßnahmen anzubieten? Also auch für Straftäter und mit einem gewissen Druck, aber nicht in dieser totalen Institution?

 

 

 

In anderen Einrichtungen, wie in der Erziehungshilfe, muss man den Raum selbst schaffen und den Ablauf bestimmen. Im Gegensatz zum Gefängnis wirkt sich dieses Stück Freiheit auch auf den kreativen Prozess aus. Auf der anderen Seite kann so eine Zelle diesem Prozess ebenso guttun. Ob eine Schreibwerkstatt bei Straftätern außerhalb genauso funktioniert, müsste getestet werden. Fakt ist, dass Ex-Knackis draußen hochkreativ bleiben können, und das halte ich für wertvoll. Aber apropos Zelle: Ist denn der seit 2009 gesetzlich geschaffene Einzelhaftraum sinnvoll? Verhindert er Übergriffe wie in Siegburg und Ichtershausen?

 

 

 

Man müsste es den Gefangenen überlassen, wie sie untergebracht werden sollen. In bayrischen Vollzug habe ich noch die Acht-Mann-Hafträume kennengelernt. Heute sind sie mit sechs Häftlingen belegt. Auf einen Einzelhaftraum wartete man ein Jahr oder länger. Das sind katastrophale Zustände. Ein Jahr zusammen mit sieben weiteren Gefangenen und einem Abort. Das ist menschenunwürdig. Es gibt Gefangene, die nicht allein in einer Zelle sein können und allein sein wollen und also hilfsbedürftig sind. Denen sollte man die Möglichkeiten geben. Man sollte allen aber auch die Option für einen Einzelhaftraum lassen.

 

 

 

Sind Sie erfolgreich mit Ihrem Programm?

 

 

 

Das Thema hat Veränderungspotential und ist gesamtgesellschaftlich nicht zu Ende gedacht. Ich werde mich natürlich immer äußern, sobald ich gefragt werde. Aber ich kann das in der Intensität gar nicht weiter befeuern. Irgendwann müssen andere das genauso machen. Es ist ein Thema, mit dem man Menschen bewegen kann und auch zum Überdenken von Grundannahmen bringt.