Die 007 der Literatur

Zum Beispiel Gerlinde Moorkamp von der Agentur Silke Weniger

 Wer ist Gerlinde Moorkamp?

 

Sie kommt aus Cloppenburg, ist seit siebzehn Jahren Agentin, studierte in Erlangen und in München Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte und neuere deutsche Literatur sowie im Aufbaustudiengang Buchwissenschaften… aber das steht alles, Ronny, alles auf der Homepag…

 

Ja, aber gibt es etwas, was nicht auf eurer Homepage steht: Persönliche Leidenschaften, Abgründe…?

 

(lacht) Darüber möchte ich … zu gegebener Zeit sprechen.

 

Erzähle ein bisschen zu eurer Agentur.

 

Silke Weniger hat die Agentur Anfang 2000 übernommen. Sie hat zwei Dinge zusammengeführt. Sie hatte selber schon Kinder- und Jugendbücher für Agence Hoffman vertreten und zudem die Agentur von Brigitte Axster in Frankfurt übernommen. Die Agentur fasste dann Fuß in München, und als wir immer weiter wuchsen, als wir befürchteten, dass die Bücherregale umkippen, sind wir nach Gräfelfing in großzügige Räume gezogen.

 

Und was genau macht ihr?

 

Wir sind als Agentur in einer Vermittlerposition. Die Autoren vertrauen uns ihre Texte an und gehen davon aus, dass wir einen Verlag finden. Nicht jeder Text spricht uns gleichermaßen an, passt vielleicht auch nicht in das Profil. Sachbuch machen wir zum Beispiel gar nicht.

 

Ist es ein Traumjob?

 

Ja. Und der Job verbindet die Leidenschaft des Lesens mit der großen Neugier, sei es auf Stoffe oder sei es auf Menschen. Meine Aufgabe ist ja nicht nur, einen Text zu lesen, ich darf auch mit den Autorinnen und Autoren arbeiten. Diese Beziehungen und diese berufliche Nähe, die sich dann ergeben, finde ich total spannend. Und man muss es mit Leidenschaft machen. Denn es ist wie ein Staffellauf und die eigene Begeisterung darf nicht abflauen. Du bekommst den Staffelstab vom Autor und musst ihn weitergeben an den Verlag.

 

Schönes Bild…

 

Das ist mir auch total wichtig. Man arbeitet Hand in Hand und das versuche ich den Autoren immer zu vermitteln, besonders wenn sie dem Verlag gegenüber Berührungsängste haben. Mit dem Verlag, sage ich, sitzt du in einem Boot und ihr tut gut daran, in die gleiche Richtung zu rudern, und wenn das nicht möglich ist, sollte man sich über die Gründe unterhalten. Es geht nicht darum, jemanden über den Tisch zu ziehen oder zu erpressen, oder diese Dinge, die man vielleicht mit Agenten, wie Null Null Sieben, in Verbindung bringt. Das hat nichts mit literarischem Agenturbetrieb zu tun.

 

Und schreibst du selbst viel?

 

Der Grund, warum ich in Seminaren schreibe: Um einmal die Perspektive zu wechseln – hin zum Autor. Was löst es eigentlich in mir aus, wenn ich produktiv sein muss? Und ich habe über die Bücherfrauen-Akademie einen Online-Schreibkurs gemacht, den ich wahnsinnig spannend fand und wo ich wirklich viel gelernt habe. Seitdem bin ich selbst Mitglied einer Schreibgruppe.

 

Ist es manchmal schwierig mit den Autoren?

 

Bei Debut-Autoren ist die Zusammenarbeit am intensivsten, weil die Verpflichtung dann sehr hoch ist. Denn diese wissen ja noch gar nicht, was auf sie zukommt, haben viele Fragen und Unsicherheiten, fühlen sich manchmal überfordert, müssen Termine einhalten, können den Vertrag kaum enträtseln, wissen nicht, was ein Vorschuss ist oder Tantiemen. Und da muss man einfach für sie da sein.

 

Gibt es bei euch in der Agentur Rechtsberatung zu den Verlagsverträgen?

 

Wir müssen zwei Dinge unterscheiden: Der erste Vertrag ist der Vertretungsvertrag, den eine Autorin, ein Autor mit der Agentur abschließt. Der nächste ist - hoffentlich - der Verlagsvertrag. Wir machen es so, dass wir unsere Verträge selber ausfertigen und an den Verlag und die Autorin zur Unterschrift verschicken.

 

Präferierst du Texte, die du besonders originell findest? Oder springst du vor Freude, wenn du eine neue Kerstin Gier auf dem Tisch hättest?

 

Es gibt Texte, die mich ansprechen und welche, die das nicht tun. Und ob das nun eine Kerstin Gier – Verpackung oder was anderes ist, spielt keine Rolle. Wie bei jedem anderen Leser auch. Agenten müssen aber auf zwei Ebenen lesen: Sie müssen der Geschichte folgen und in den Bann der Geschichte kommen. Und sie müssen gleichzeitig überlegen, wo die Geschichte hinpassen könnte.

 

Und apropos Verpackung: Erkennt man wenn die literarischen Vorbilder durchschimmern?

 

Es ist generell schwierig, wenn die Stimme des Erzählers durchkommt und er sich immer wieder in den Vordergrund drängt.

 

Schielt man nach Trends auf dem Buchmarkt?

 

Trends sind interessant für Titel, die bereits vorliegen, die aus den USA kommen. Es dauert ja häufig zwei Jahre ab Vertragsabschluß, bis ein Buch überhaupt erscheint, dann nützt es dir nichts, wenn ich auf Trends schaue, die jetzt gerade aktuell sind. Ich möchte Autoren gewinnen, von deren erzählerischer Kraft ich überzeugt bin und mit denen ich über einen langen Zeitraum in einer Partnerschaft verbunden sein werde.

 

Liest du ein Manuskript komplett?

 

Wir lesen das Manuskript auf jeden Fall ganz und sind auch bereit, Feedback zu geben. Der Autor muss auch bereit sein, an dem Text zu arbeiten, wenn es denn berechtigte Verbesserungsvorschläge gibt.

 

Ist man stolz, wenn man ein Skript vermittelt hat?

 

Ich bin stolz darauf, wenn ich zwei Partner zusammengebracht habe, die miteinander eine glückliche Verbindung eingegangen sind.

 

Was könnten die nächsten Trends sein?

 

SickLit ist vorüber. Ich bin auch gespannt, was jetzt kommt. Aber es gibt immer Bücher, die aus der Masse hervorstechen.

 

Hast du privat ein Lieblingsgenre?

 

Gute Literatur begeistert mich genreunabhängig. Ein gut geschriebener Text kann ein Krimi sein oder ein Kinderbuch. Es sind immer die Figuren, die den Text tragen, die Konflikte und Geschichten, die sich um sie herum ergeben.

 

Welche Erwartungen stellst du an das Anschreiben?

 

Wenn ich eine E-Mail bekomme von einem neuen Autor oder einer neuen Autorin, erwarte ich ein ordentliches Anschreiben. „Sehr geehrte Damen und Herren, mit Interesse habe ich Ihre Homepage gelesen.“ Dann weiß ich, das ist schon die erste Lüge. Denn in unserer Agentur arbeiten keine Männer. Wenn man auf die Homepage geschaut hat, sollte man die Ansprache anders wählen. Das ist schon mal ein erstes Kriterium. Viele Autoren schicken einfach Bewerbungen wild drauf los, ohne sich vorher anzugucken, was die Agenturen eigentlich machen.

 

Soll man vorher anrufen oder lieber anschreiben?

 

Das ist egal. Die Übersendung von Material erfolgt immer per E-Mail. Wenn ich die Unterlagen bekomme, lese ich die Leseprobe. Ich lese weder zuerst die Angaben zur Person noch das Exposee. Das hat einen taktischen Grund: Der Text muss für sich sprechen. Wenn er mich nicht in den Bann schlägt, brauche ich keine Begleitinformationen. Da kann der Autor noch so einprägsam am Telefon klingen… Wenn ich mich intensiv mit dem Exposee oder dem Autor befasse und der Text kann das Versprechen nicht einlösen, ist das verschwendete Zeit. Und als Agent musst du dich rasch entscheiden, welcher Text dich begeistert und wo du auch einen Markt dafür siehst.

 

Ist das Autorenfoto wichtig?

 

Nein.

 

Wenn du einen einzigen Tipp hättest für Autoren…?

 

Dranbleiben! Am Schreiben.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Webseite der Agentur

Juli 2016