Gangster-Rap und deutsche Ghettos

Clueso ist seit zwanzig Jahren als Rapper, Sänger, Texter und Botschafter unterwegs. Er kennt die harten und die leisen Töne, in der Schule wie in der Szene. Der softe Liedermacher mit taffen Wurzeln spricht über Gangsterrapper, fehlgeleitete Lehrer und seine Haltung zum Knast.

 

Hast du schon mal Texte geschrieben, in denen du Gewalt verherrlicht hast?

 

Ich bin in einer Clique aufgewachsen, die diesen Contest-Hip-Hop-Geist hatte, wo Übertreibungen eine große Rolle gespielt haben. Es gab Songs, bei denen man andere MCs vernichtet hat. Die Sprache war gewaltbehaftet. Das war schon immer da in der Musik. Und die Battle-Kultur muss man abstrahieren. Wenn die Sänger sich um Walther von der Vogelweide getroffen haben, dann haben die sich auch fertiggemacht. Doch wenn heutige Alben ausschließlich davon handeln, andere nieder zu machen, oder es nur auf Minderheiten abzielt, überschreitet das natürlich Grenzen.

 

Angriffe auf die Mütter der Gegner, Gang-Bang und Maschinengewehre im Kofferraum. Wie viel Show ist bei den ganz „krassen Rappern“ dabei?

 

Um nicht im Knast zu laden, können sie das auch nicht leben, was da oft im Video gezeigt wird. Die Show ist wichtig, weil die Leute sich ja irgendwie noch durchs Leben bewegen müssen. Und ich denke, dass die meisten Konsumenten relativ offen damit umgehen und wissen, dass es nur Fake ist – sofern sie selbst nicht, um sich abzukapseln, oder weil sie selber eine krasse Geschichte haben, ausschließlich diese Art von Musik hören. Ungefähr so, wie Alkohol und Haschisch eine gewisse Wirkung auf Leute hat, eine Bedrohung ist, und man im Prinzip auch anders damit umgehen kann, denn nicht jeder wird davon zwangsläufig abhängig.

 

Die Dosis macht also eine gute Provokation aus?

 

Was mich stört: Die Grenzen sind verschoben. Es hat nichts Provokantes mehr, wenn ich sage: „Ich ficke deine Mutter“. Es wird einfach nur wiedergekaut, ist Prestige geworden und gehört zum „schlechten“ oder „guten Ton“, dass es gemacht wird. Die Provokation der Provokation und die Steigerung davon wurden so oft wiedergegeben, dass es lächerlich ist. Meistens ist es eine Rolle.

 

Sind Umfeld und Sozialisation wichtiger als alles andere?

 

Es gibt Leute, die sind so erzogen, dass sie die Abstraktion hinbekommen, die wissen, dass das eine Figur ist, dass es Fiktion ist, dass es Humor ist, dass es übertrieben ist.

 

Und es gibt welche, die es offenbar nicht können. Irgendwo in den Tiefen der deutschen Ghettos. Oder nicht?

 

Die Amis lachen, wenn sie deutsche Sachen hören. Und sehen, wie es in den Videos dargestellt wird. Weil wir natürlich Randgebiete haben und Arten von „Ghettos“, aber die bei weitem nicht so krass sind, wie in anderen Ländern. Es gibt sicherlich auch in Deutschland Stadtteile, wo man Angst haben muss. Und auch Gestalten, die sich in ihren Cliquen so stark fühlen, dass man Schiss haben muss oder Schiss haben darf, wenn sie vorbeilaufen. Aber es kommt nicht vor, dass die hier mit Knarren herumlaufen und sich alle über den Haufen ballern. Und wenn Leute Videos drehen, in welchen sie aus dem Kofferraum MGs herausholen, ist das Comic.

 

Manche Hörer nehmen es aber offenbar für bare Münze …

 

Es ist wie mit Computerspielen. Ich spiele GTA. In dem Spiel bin ich Gangster und ballere durch die Gegend und hau auch mal jemanden weg. Aber ich weiß, dass das nicht die Realität ist und wenn beim Einkaufen jemand nervt, ich dem nicht einfach die Nase breche. Die Frage ist, ob man sich den ganzen Tag damit umgibt und es dann zur Realität wird.

 

Im Knast sind diverse Alben ohnehin nicht zugänglich, einige Strafgefangene kennen die Raptexte aber auswendig. Was würdest du den Kollegen, die so eine Mucke machen, mit auf den Weg geben?

 

Ich finde es interessanter zu fragen: Was würden die, die im Knast sitzen, zu jemanden sagen, der so tut, als wäre er Gangster? Also einer, der wirklich Gangster ist und weiß, was es bedeutet, Gangster zu sein: Dass es nicht cool ist, wenn man seine Familie nicht sieht, dass es nicht cool ist, eingesperrt zu sein, wenn man das Gefühl hat, dass man sein Leben verbaut hat …! Was würden die Leute sagen, die es blicken? Vielleicht: „Ich höre deine Mucke, aber du bist kein Gangster. Ich bin einer, aber ich bin nicht nur stolz drauf.“

 

(...)

 

Sollte man Kinder einfach machen lassen?

 

Ich habe zwar selbst keine Kinder, aber ich glaube, Kindern muss man nichts beibringen, die gucken sich ohnehin alles ab. In unserem Schulsystem gibt es aber ziemlich viele verkorkste Lehrer: Leute, die angefangen haben zu studieren, und irgendwann gemerkt haben, dass das gar nicht ihr Ding ist, aber nicht den Arsch in der Hose hatten, zu sagen: „Ich glaub, ich bin kein Lehrer“. Ein Kind zu verstehen und ernst zu nehmen, ist das schwierige Spiel. Es ist ein ernstzunehmender Mensch und gleichzeitig noch Kind. Wenn man da viel schief gemacht hat, haben es die anderen schwer. Die Schule ist nicht gerade dafür ausgelegt, etwas glatt zu bügeln.

 

Lass und nochmal auf die Musik zu sprechen kommen. Alben werden indiziert. Bestimmte Clips laufen gar nicht erst. Und gewisse Musiker werden nie irgendwo besprochen. Aber reicht das alles? Müssten die Medien mehr machen, Regeln aufstellen?

 

Ich glaube nicht, dass die Medien Hip-Hop-Alben verbieten müssten, sondern es muss immer einen Ausgleich geben, wie die Szene ja auch einen Ausgleich schafft: Wenn nur Gewalt-Hip-Hop den Markt beherrscht, entwickelt sich früher oder später eine Gegenbewegung von Rappern. Mir tun Leute, die im Knast sitzen leid, die diese Hemmschwelle nicht haben und anderen Gewalt angetan haben. Auf der anderen Seite bin ich sehr zwiegespalten. Gewalt darf nicht sein. Und die Leute müssen durch ihre Geschichten lernen. Und da muss man etwas tun: im Schulsystem, bei der Erziehung. Wir müssen Möglichkeiten für Eltern schaffen, Träume zu leben, Jobs zu machen, die denen Spaß machen. Aber das alles ist sehr schwierig. Ich weiß nicht, wo man da anfängt, ob der Kapitalismus selbst nicht Schuld ist...

 

Oder die fiesen Rapper mit den bissigen Bulldoggen und dem beschissenen Leben…?

 

Ich war zwar Hauptschüler und musste mich auch durchsetzen in der Schule, könnte auch diese Sprache sprechen, aber diese Typen würden nicht auf mich hören. Das einzige, was ich sagen würde: Spielt doch mal im Knast. Wie Johnny Cash.

 

 

Das komplette Interview im Buch „Schwer gezeichnet“, Garamond Verlag, ISBN: 9783944830759