Schillerndes Rotlicht


Er wurde mit seinem Buch „Im Stein“ für den Deutschen Buchpreis 2013 nominiert. Ein Roman über das älteste Gewerbe. Mit drastischen Bildern, gelungener Schreibe und Einblick in die Welt hinter dem schönen Schein. Wir sprachen mit Clemens Meyer über den Roman, das Schreiben und Pferderennen.

Du bist mit „Im Stein“ ständig unterwegs. Lesetour durch Deutschland, Österreich. Hast du noch Lust, zu lesen?

„Ich muss Geld verdienen. Und es ist einfach Teil des Lebensunterhalts. Im Moment das Ausschlachten. Man investiert da immer etwas. Man will das Buch ja auch gut präsentieren. Aber ich merke danach auch immer, dass es ne Menge Energie braucht.“

Seit 2006 schlägst du mit deiner Literatur ein. Wie kommst du mit deinem Erfolg klar? Ist das schwer für dich? Fällt es dir leicht … wolltest du das so?

„Ich wollte Bücher schreiben. Das war alles. Bücher, die ich selbst gerne lesen möchte. Und wenn ein Buch erscheint, weiß ich ja nich… Es kann ja auch sein, dass es verrissen wird. Und das kommt auch bei jedem Buch vor: Ein, zwei Verrisse hat man immer. Und man weiß ja nich genau, was mit dem Buch passiert. In dem Moment, wo ich es schreibe, bin ich damit allein. Und in den Jahren, in denen ich daran arbeite, ist es ein nicht enden wollender Zeitraum. Und dann ist es draußen, und es dreht sich alles um dieses Buch und um mich … dann ist es wieder weg. Es wird natürlich bestehen bleiben, so, wie die anderen Bücher auch da sind … gelesen werden, verfilmt oder was immer damit auch gemacht wird. Doch da muss man aufpassen.
2008 war ein Jahr … auf der Leipziger Buchmesse (Anmerkung: Clemens erhielt damals den Preis der Leipziger Buchmesse) wo man fast durchgedreht wäre, den Boden verloren hatte, weil das einfach alles so schnell ging. Aber jetzt, nach dem vierten Buch, kann ich damit auch umgehen, merkt man, dass man ein paar Jahre damit verbracht hat, als Schriftsteller. Jetzt macht mich das alles nich mehr so verrückt.“

Im Buch spiegelt sich eine absurde Gesellschaft, ein düsteres Bild unserer Zeit. Bekommt man da irgendwelche Ängste, beim Schreiben?

„Irgendwie erschreckt mich gar nichts mehr. Ich seh das eher gefühllos … also auch nich wirklich, weil in Literatur ja auch viel Gefühlsbewegung stattfindet. Aber zunächst muss ich mich erst einmal zynisch und kalt mit den Themen auseinandersetzen. Aber Angst macht es mir eigentlich nicht … es könnte eh alles noch viel schlimmer kommen, da bin ich Nihilist. Die einzige richtige Angst entsteht aus dem Arbeitsprozess heraus: Dass man denkt, das klappt nicht, die Figuren sind scheiße und so weiter.“

Schaffst du dir ein gewisses Umfeld zum Schreiben? Oder, wie schafft man es eigentlich, ständig die Atmosphäre im Text, über 500 Seiten, düster und dunkel zu halten, ohne selbst durchzudrehen?

„Bei manchen Kapiteln war es auch für mich unangenehm. Das Schreiben an sich ist dann manchmal auch eine einzige Qual, weil es nicht vorangeht, lange dauert. Das Meiste schreibe ich nachts, wenn Ruhe und Dunkelheit herrscht. Da muss man eben rein, und sich konzentrieren. Und man kommt auch an Punkte, wo man merkt, dass es gar nichts wird, der ganze Text. Man kann es fassen und fühlen, es ist 3D geworden. Die Sprache macht alles lebendig. Es nimmt Gestalt an, ein Bild entsteht. Es wird organisch. Und dann gibt es Kapitel, durch die man sich ewig hindurchquälen muss. Immer wieder anfangen, immer wieder verwerfen. Aber irgendwann ist man drin, ein Teil des Orkans, muss nur noch alles bewegen und arrangieren. Und weiter machen, bis es fertig ist, ohne aufzuhören.“

Du bist Dozent am Literaturinstitut. Hast du vielleicht einen einzigen Tipp für Nachwuchsautoren?

„Schwer zu sagen. Sich reinbeißen, in den Stoff reinbewegen, ist vielleicht ein guter. Vieles habe ich auch einfach probiert, bevor ich es dann kompliziert gemacht habe. Man muss Geduld haben. Aber so einen einzigen Tipp zu geben, ist schwierig…“

Ist auch nur so ne Standardfrage…

„Nö, ist es eigentlich nich, sonst hätte ich jetzt ne Antwort gehabt. Aber sich immer wieder und immer wieder mit einem Text zu beschäftigen, ist wahrscheinlich das Wichtigste. Bis man irgendwann merkt, dass er vielleicht fertig sein könnte. Aber selbst dann ist er ja noch nicht …Das merk ich ja auch immer wieder im Lektorat…“

Wie lange hat deine Lektorin gebraucht, um die ganzen Fakten, das Szenewissen von „Im Stein“ zu überprüfen …?

„Was geprüft wurde, sind ein paar Jahreszahlen und Namen. Beim Rest muss sich der Verlag auf mich verlassen. Neulich habe ich eine Mülltonne Bücher und Zettel aus der Recherche entsorgt.“

Im Vorfeld guckt man ja mal, was die Kollegen dich schon alles gefragt haben. Und man stößt mitunter immer noch auf die gleichen Fragen aus Jugendtagen: Herr Meyer, wo tragen Sie denn Tattoo? Wie war es in der Jugendstrafanstalt?

„Darauf antworte ich nicht mehr.“

Hast du aus der Leipziger Literaturszene ein paar Tipps, bezüglich Nachwuchsautoren?

„Es gibt auch in Hildesheim gute Leute. Aber ich muss mich selber erst einmal wieder reinfinden. Ich bekomm was mit, wenn ich beim MDR-Literaturpreis in der Jury sitze, seit vier Jahren. Da sind immer mal ein paar gute Sachen dabei. Aber im Privaten ziehe ich mich eher zurück.“

Und wo siehst du dich privat im Jahr 2025?

„Die Zeit rennt, bis dahin. Ich habe ein Romanprojekt, zu dem ich mir jetzt schon immer Notizen mache, viel recherchieren, unter anderem Kroatisch lernen muss… Ein paar Fetzen kann ich schon. Muss das aber noch ausbauen. Stoff habe ich genug, ich hoffe, dass ich ihn bewältigen kann. Das Projekt möchte ich in den nächsten fünf Jahren veröffentlicht haben.“

Hast du schon einen Vorschuss bekommen?

„Nein. Verhandelt wurde schon. Aber bei „Im Stein“ hatte ich auch keinen. Da konnte ich auch so lange arbeiten, wie ich wollte. Ein Vertrag ohne Datum ist auch nicht mehr alltäglich heute. Man setzt mich nicht unter Druck, und das ist gut so, ich setzte mich schon selbst genug unter Druck.“

Eigentlich wollte ich dich noch fragen, ob du wirklich einen Vorschuss für Pferdewetten ausgegeben hast, aber kommen wir zur letzten Fra…

„Was, ich? Für Pferdewetten?“

Hm.

„Nee, nich den Vorschuss, aber einfach mein Geld. Ich geh regelmäßig zum Pferderennen. Aber nich im großen Stil. Mal fünfzig Euro oder so. Die gewinnt man auch. Ich mag den Sport. Dass Mensch und Pferd Wettkämpfe miteinander austragen, das interessiert mich. Auch die Dynamik des Sports, eine eigene Welt. Leute, die auf Pferden reiten, das ist anachronistisch.“

Zum Schluss: Ein Großteil des Buches „Im Stein“ ist surrealistisch aufgebaut, teils mythologisch. Hast du, bevor du mit dem Schreiben begonnen hast, noch über eine andere Möglichkeit nachgedacht, den Stoff rüberzubringen?

„Es kommen auch Kapitel vor, die in dokumentarischer Form sind, wie ein Interview, welche dann aber von surrealistischen Einschüben unterbrochen werden, und es war für mich vom ersten Kapitel an klar, dass es diesen Mix geben muss.
Ganz am Anfang wollte ich noch Stimmen von Frauen nebeneinander stellen. Dann habe ich gemerkt, das reicht nicht. Ich muss noch viel mehr machen, in der Gesamtheit muss das 3D werden. Und ich wusste, dass es nur in der Montage funktionieren kann, indem man das aufbricht…“

Auch auf Grund der Härte stellenweise…?

„Auch. Aber auch weil ich mir gesagt habe: Wenn das mehr erzählen kann und soll, als eine Milieustudie … über unsere Zeit, über Leben und Streben, über Liebe und Tod, über die großen Themen, dann musst du mehr machen. Die Figuren als griechische Tragödienhelden inszenieren. Chronik und Mythos müssen Hand in Hand gehen. Und irgendwann wusste ich, das muss eine große schillernde Blase werden.“

Danke für das Gespräch.