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Präventionsveranstaltungen mit lauter Stimme

Für die einen ist er der Typ aus dem Fernsehen mit dem Schläger-Image. Für die anderen ist er der Mann gegen Mobbing. Für die einen ist er zu laut. Für die anderen ist er genau das richtige Mittel, um Übergriffen vorzubeugen. Carsten Stahl, der Typ aus „Privatdetektive im Einsatz“, Gründer einer deutschlandweiten Anti-Mobbing-Kampagne und Buchautor: Wie er mit Kritik umgeht und welche Sprache er verwendet, um bei seinen Zuhörern anzudocken, verrät er exklusiv in TextTäter III. Ein Auszug.

 

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Wenn man die Generationen vergleicht, was ist, deiner Meinung nach, der größte Unterschied der heutigen zu unserer Jugendzeit?

 

Digitalisierung. Durch mehrere erniedrigt zu werden, zusammengetreten zu werden, angepisst zu werden, was auch immer, das war damals schon extrem, aber auch eine extreme Ausnahme. Die Qualität der Brutalität und die Hemmschwellen sind gesunken. Und warum? Digitalisierung. Mit einem Knopfduck ist man dabei. Auch in der Sexualität. Zu unserer Zeit haben wir mit 13, 14 oder 15 Jahren angefangen, heute fangen sie mit 11 an. Zu unserer Zeit, du erinnerst dich noch, gab es den Song Jeanny von Falco: Er wurde verboten, obwohl er nicht einmal das Wort Vergewaltigung in den Mund genommen und nur angedeutet hatte. Heute gibt es Vergewaltigungsszenen in Videos, Sexismus und Rassismus überall. Die Gesellschaft ist verroht – und damit verrohen unsere Jugendlichen.

 

Dschungelcamp, Promi-Big Brother: Peinlich, entwürdigend. Für unsere Kinder aber normal, die wachsen damit auf. Und dann wollen wir unsere Kinder zu Respekt und Toleranz erziehen?! Deshalb brauchen wir Projekte, die das vermitteln. Das müssten aber am besten Vorbilder sein…

 

…vor allem männliche!

 

Nicht generell, aber auf jeden Fall sehr authentische und ehrliche Vorbilder! 

 

Macht Rap-Musik aggressiver?

 

Sie kann auch sehr befreiend sein. Es kommt auf die Persönlichkeit des Hörers und die Richtung an. Beispiel: Ich bin ein Vorbild für Millionen von Menschen und habe genauso Fans wie diese Rapper. Und ich habe meine Vorbildfunktion genutzt, um zu helfen. Manche von denen nutzen ihre Vorbildfunktion, um Kohle zu machen. Wenn sie aber Songs gegen Kriminalität singen und damit Geld verdienen würden, wäre das sogar nachvollziehbar. So aber fördern sie negatives Gedankengut, Sexismus, Rassismus, auch von Kindern und damit sind sie für mich verwerflich. Die werden ihren Preis aber noch zahlen. Wenn sie nämlich Kinder haben, werden diese genau das erleben und als Promikinder bekommen sie wahrscheinlich noch mal eins extra drauf. Dann müssen sie sich ihrer Verantwortung stellen und eingestehen, dass sie dereinst daran mitgewirkt haben. Dass es in Neukölln heute so beschissen ist, daran habe ich ja auch eine Teilschuld: Ich war ein Krimineller und habe Scheiße gebaut. Heute stelle ich mich meiner Verantwortung und versuche andere davon abzuhalten.

 

Welche Sprache müssen wir anwenden, damit die Jugendlichen zuhören?

 

Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Dass meine Worte drastisch und auch laut und hier und da für manche erschreckend sind, liegt daran, dass sie nicht die Zielgruppe sind. Der Bildungsbürger schaut Bildungsfernsehen und sieht keine Inhalte mit dieser Sprache. Aber schau doch mal, was die Kinder jeden Tag ansehen! Und die müssen wir doch erreichen! Und warum ist Fack ju Göhte so erfolgreich? Wegen der Sprache. Große Fresse, Knastbruder, direkt und ehrlich. Dafür mögen sie den Film.

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Das vollständige Interview in TextTäter III, vrstl. März 2019