DIE MIT DEM WOLF TANZT

Ein kleiner Ort im tiefsten Thüringen. Fast ist man hindurch gefahren, wüsste man nicht, dass hier eine der bekanntesten Jugendbuchautorinnen Deutschlands zuhause ist. Auf einem Fachwerkhof, den sie ihre „Burg“ nennt, hat sie ihr Schreibzimmer eingerichtet. Eine Bücherwand, darunter sechzehn eigene Titel. Fotos mit amerikanischen Ureinwohnern, Traumfänger baumeln hier und da. Indianer sind ihr Thema, bis zu ihrem Bestseller „Isegrim“. In dem 2013 erschienen Jugendbuch taucht der Wolf auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf auf und bringt die ländliche Idylle um Arnstadt ins Wanken. Jetzt ist es so weit, Meister Isegrim ist da – und die Autorin sehr froh darüber. Nach fast zwanzig Jahren ist Antje Babendererde als Schriftstellerin angekommen. Wir sprachen mit ihr über das Schreiben, Reservate, Leserbriefe und Filmpläne.

 

Schön hier. Braucht man die Ruhe, um zu schreiben, oder das Chaos?

 

Antje:

Die totale Ruhe.

 

Ist es hier draußen ruhig?

 

Antje:

Nicht wirklich. Auf dem Dorf hat jeder andauernd etwas zu werkeln. Der Rasenmäher läuft, es wird Holz gesägt oder gespalten, gebohrt, gehämmert, am Auto gebastelt. Ruhezeiten kennen die Dorfbewohner nicht. Manchmal träume ich von einem Schreibtisch auf einer einsamen Insel.

 

Welchen Tipp hast du für Nachwuchsautoren?

 

Antje:

Lesen, lesen, lesen – und zwar alles, gute Texte und schlechte – und schreiben, schreiben, schreiben! Mit jedem einhunderttausendsten Wort wird man ein Stück besser.

 

Viele deiner Plots bleiben ja offen …

 

Antje:

So offen finde ich die gar nicht. Die kriegen sich doch fast alle ...

 

Viele deiner jungen Leser schreiben dich an, wollen wissen wie es weitergeht …?

 

Antje:

Ja, aber es wäre fatal zu denken, bloß weil es jetzt ein Mal mit der Liebe funktioniert hat, bleiben sie zusammen bis in alle Ewigkeit. Das Leben geht weiter und alles ist in Bewegung …

 

Sollte man also nicht dazu raten, zu einem Ende á la Romeo und Julia?

 

Antje:

Nein, eigentlich nicht. Am Ende zeichnet natürlich ab, was aus den Figuren werden könnte, aber sie haben nun mal kein Leben außerhalb des Buches und Fortsetzungen schreibe ich nicht. Die Leser müssen schon ihre Fantasie walten lassen. Einmal schrieb mir eine junge Leserin: Verraten Sie es doch wenigstens mir, wie es weitergeht mit den beiden …!

 

Cool.

 

Antje:

Und so, wie die Leserbriefe formuliert sind, spiegelt sich ja auch das Verständnis wieder. Die Briefe zeigen, dass die Leser so sehr in der Geschichte sind, dass sie nicht mehr das Gefühl haben, ein Buch zu lesen.

 

Kannst du dir vorstellen, mal wieder für Erwachsene zu schreiben?

 

Antje:

Schon. Werde ja auch älter und spüre durchaus Lust, mal wieder einen Roman zu schreiben, dessen Hauptfiguren nicht pubertäre Jugendliche sind. Momentan heißt es aber: Schuster bleib bei deinen Figuren.

 

Wie stehst du zu Druckkostenzuschussverlagen?

 

Antje:

Am Anfang hatte ich mal fünftausend Mark gespart und überlegt, ob ich davon mein erstes Buch drucken lasse oder lieber nach Amerika fliege. Ein netter Verlagsvertreter hat mir dringend empfohlen zu fliegen, und das war auch das Beste, was mir passieren konnte. Ich würde auf jeden Fall davon abraten, tausende Euro zu bezahlen, damit ein Buch veröffentlicht wird. Wer als Autor ernsthaft wahrgenommen werden will, sollte die Finger vom Druckkostenzuschuss lassen. Aber der Markt hat sich ohnehin verändert und heute kann man das eigene Buch relativ günstig selbst vermarkten - zum Beispiel als book on demand oder als e-book

 

Dein erstes Buch erschien 1996. Was hat sich seit dem verändert?

 

Antje:

Sobald heute ein neues Buch erscheint, steht es in den Buchläden, man spricht in Buch-Blogs darüber und ganz schnell kann man die ersten Rezensionen im Internet lesen. Damals war ich einfach nur glücklich, mein Buch gedruckt in den Händen zu halten – endlich. Heute herrscht ein ganz anderer Druck. Da kommt Kritik, die verarbeitet werden muss, und mit der Zeit ändert sich der eigene Anspruch. Ich sitze heute nicht mehr so frei am Schreibtisch wie damals.

 

Wie lang brauchst du für eine Geschichte?

 

Antje:

Früher war ich eine Schnellschreiberin, heute arbeite ich ein oder sogar eineinhalb Jahre an einem Buch. Aber auch wenn mir das Schreiben oft schlaflose Nächte beschert: Es ist für mich der schönste Beruf der Welt.

 

Gab es beim Schreiben von Isegrim ein Initiationserlebnis?

 

Antje:

Eigentlich hatte ich vor, ein weiteres Indianerbuch zu schreiben. Aber das lief nicht gut, und damit ich überhaupt wieder schreiben konnte, brauchte ich einen Themenwechsel. Also habe ich meinen neuen Roman hier in Thüringen verortet. Zudem hat mich die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland schon lange interessiert. Mike Jessat, Chef des Naturschutzbundes Thüringen, vierriet mir, dass der Ohrdrufer Truppenübungsplatz Wolfserwartungsland ist. Also hatte ich meinen Schauplatz und habe losgelegt.

 

Hat dich das Thema „Indianer“ nach all der Zeit gelangweilt? Oder war es die schockierende Realität?

 

Antje:

Letzteres – oder besser: Die lähmende Realität. Für meine Recherchen habe ich verschiedene Indianer-Reservate besucht. In Pine Ridge, South Dakota, war ich oft und lange. Dort habe ich die ganze Apathie, das Leben und Sterben, hautnah mitbekommen. Drogen und Alkohol bestimmen das Leben zu vieler Jugendlicher. Und die Kinder-Selbstmordrate ist immens hoch. Für die Leser meiner Jugendbücher brauche ich am Ende wenigstens einen kleinen Sonnenstahl am Horizont. Auf einmal fand ich den selbst nicht mehr. Es folgte eine dicke Schreibblockade und der Versuch, mich davon frei zu schreiben.

 

Wie bist du an deine Informationen für Isegrim gekommen?

 

Antje:

Es war in Deutschland noch schwieriger zu recherchieren, als in Amerika. Man glaubt, die Indianer wollen mit uns Weißen kaum reden. Doch das ist gar nicht so. Meist sind sie sehr offen. Hier in Deutschland hatte zu Beginn meiner Recherche kaum jemand Geduld mit mir und meinen Fragen. Und dabei ging es nur um Wölfe. Doch wenn man hartnäckig genug sucht, findet man auch jemanden.

 

Kannst Du dir Isegrim als Film vorstellen?

 

 Antje:

 Zur Verfilmung meines Buches „Libellensommer“ gibt es schon Ansätze, da der Film aber in Kanada gedreht werden müsste, steht in den Sternen, ob tatsächlich etwas daraus wird. In Thüringen gibt eine gute Filmförderung, vielleicht gefällt ja einem Produzenten „Isegrim“, die Option ist noch frei. Schön wäre es: Unsere Heizung war kaputt, wir könnten die Mäuse gebrauchen.

 

Bild: Kerstin Klare